Adlerkraft statt Pferdestärke

Jesaja 40, 26-31

26 Blickt nach oben! Schaut den Himmel an: Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? Er ist es! Er ruft sie, und sie kommen hervor; jeden nennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie ruft.

27 Ihr Nachkommen Jakobs, ihr Israeliten, warum behauptet ihr: „Der Herr weiß nicht, wie es uns geht! Es macht unserem Gott nichts aus, wenn wir Unrecht leiden müssen“?

28 Begreift ihr denn nicht? Oder habt ihr es nie gehört? Der Herr ist der ewige Gott. Er ist der Schöpfer der Erde – auch die entferntesten Länder hat er gemacht. Er wird weder müde noch kraftlos. Seine Weisheit ist unendlich tief.

29 Den Erschöpften gibt er neue Kraft, und die Schwachen macht er stark.

30 Selbst junge Menschen ermüden und werden kraftlos, starke Männer stolpern und brechen zusammen.

31 Aber alle, die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.

Adlerkraft statt Pferdestärke

480 PS sind eine feine Sache. Ich spüre sie immer dann, wenn ich in Pforzheim den Berg hochfahre  – mit Anhänger, versteht sich.

Speziell dann, wenn man schwer geladen hat, der Berg steiler wird, versteht man, daß es Situationen geben kann, in denen 480 Pferdestärken nicht genug sind – also bevor man den Notfallseelsorger von der Tankstelle in Anspruch genommen hat, kommt Angst auf, daß es nicht reichen könnte, die Kühlwassertemperatur steigt und die Maschine zu röcheln anfängt.

Man muß gar nicht auf die Autobahn, um zu verstehen, daß es im Leben Augenblicke gibt, in denen die Kraft nicht reicht.

Wenn zu wenig viel zu wenig ist und ich es selber gar nicht schaffen will und kann, immer dann gibt es eine ganz besondere, die wesentlich stärkere und total verschleißfreie Adlerkraft.

Jesaja weiß, wovon er spricht. Er ist sozusagen der erste Burn-out-Spezialist seiner Zeit.

Er empfiehlt:

  1. Hör auf zu flattern
  2. Hebe den Blick
  3. Spüre den Aufwind

1. Hör auf zu flattern

Der Bienenkolibri muß 80 mal in der Sekunde mit seinen Flügeln schlagen, um überhaupt abzuheben.

Ich persönlich flieg da lieber mit Ryanair, da hat man zwar wenig Beinfreiheit, schwitzt aber nicht so und kommt bequem im Sitzen an.

Es ermüdet ungemein, flattern zu müssen. Leider fühlt sich das Leben manchmal so an – bienenkolibrimäßig.

Die Familie, der Arzt, die Kunden, der Chef, die Bank – alle bringen uns zum Vibrieren, und es klappt nicht, so ganz allein mit dem schnellen Flügelschlag auf der Startbahn des Lebens.

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ behauptete schon Äsop in seiner Fabel vom Ochsentreiber – funktioniert nur eingeschränkt, wie der Name schon sagt.

Getrieben  scheinen wir und ermüden – an uns und unserer Kraft, am Leben selbst, das soviel schwerer scheint, als eben noch gedacht.

„Jünglinge ermatten und ermüden, Rüstige straucheln und straucheln“ übersetzt der Hebräer Martin Buber.

Die Psychatrien füllen sich mit immer jüngeren Patienten, denen die Kraft ausgeht.

Keiner kann erklären, woran das liegt, daß gerade wir ermüden, obwohl wir soviel kriegen und es uns so gut geht.

Es ist ein Phänomen, ein unerklärliches.

Wir haben alles, und doch scheint es uns zu fehlen, das, was müde macht. Müdigkeit ist menschlich. Es ist unser Problem, es ist aber auch ganz normal, müde zu werden, wenn man was macht. Es ist völlig normal, daß ich erschöpft bin nach dem 80. Flügelschlag.

Von der Müdigkeit zur Ermüdung ist es manchmal nur ein winzig kleiner Schritt, der eine normale Müdigkeit zur Hoffnungslosigkeit macht.

Da helfen uns billige Parolen nicht und auch kein gut gemeinter Rat.

Wenn der Tank leer ist, braucht es den Tankwart, der ihn wieder auffüllt, damit es weitergeht – mit voller Kraft.

Deshalb empfiehlt Jesaja

2. Hebe den Blick

Wohin ich schaue, ist nicht entscheidend, macht aber einen entscheidenden Unterschied. Genau das unterscheidet Religion von Psychoprogrammen.

Wir schauen nicht alleine auf uns selbst. Wir schauen, weil wir auf uns selber schauen, nach oben.

„Tragt zur Höhe empor eure Augen“ übersetzt Buber.

Nicht ich und meine Pferdestärken, sondern eine ganz andere und viel größere Kraft will sich mir zeigen.

Wer auf die Unterseite seiner Schuhe schaut, kann Gott nicht finden – logischerweise, denn da ist er nicht.

Es braucht unsererseits schon die richtige Brille, viel mehr die richtige Blickrichtung.

Zur Höhe, auf Gott – der kann es, nur der – nur er kann, was ich nicht kann.

Gott kann, was mich überfordert.

Er ist Gott und ich Mensch – weil er kann, was bei mir eben eine höhere Kühlwassertemperatur braucht.

Aufschauen heißt, auf den schauen, der die Ränder der Erde geschaffen hat.

Schauen wir auf den Macher der Evolution, der es gemacht hat, daß die Erde sich dreht und der Wind weht.

Wenn mir das gelingt, in diese Richtung zu schauen, kann ich anfangen zu ahnen, daß es mehr gibt, als mich und meine Pferdestärke.

Erst wenn ich das verstehe, kann ich überhaupt ansprechbar werden für Gott und seine Kraft, die unerschöpflich ist, so anders, als meine 480 PS.

Gott ist der Ursprung, aus dem die Welt und unser Leben in jedem Augenblick neu hervorgeht.“ formuliert der Theologe Voigt.

Genau das gilt es, anzuschauen. Nur wer das vor Augen hat, findet die entscheidende Tragkraft.

3. Spüre den Aufwind

Adlerkraft – das Tolle daran ist – braucht null Benzin.

Das heißt konkret: Wir sind ohne Tankwart stark – hat Jesaja vor Tausenden Jahren erkannt.

Ein Adler braucht deshalb kein Benzin, weil er nicht dauernd mit den Flügeln schlägt.

Er tickt anders. Er findet den Aufwind, jenen unsichtbaren Wind, der von unten nach oben steigt und ihn scheinbar schwerelos in die Höhe trägt.

Adler spannen die Flügel auf und heben ab. Sie lassen sich tragen. Sie finden die richtige Thermik, die es überall gibt, wo Luft sich erwärmen und aufstauen kann.

Der Flugplatz in Hülben ist ja kein spiritueller Ort im strengen Sinn, wäre aber ein toller Ort, um etwas von dieser göttlichen Thermik zu spüren, die spürbar werden kann dort, wo man das glaubt.

Das Besondere an der Kraft Gottes ist, daß sie sich selbst erneuert, also nie verbraucht, nie müde wird, nie ermattet – und daß sie zur Verfügung steht, kostenlos, für jeden, der das glaubt.

Die auf den Herrn harren“ sind angesprochen, also alle, die offen sind für eine außerirdische Energieerfahrung.

Adlerkraft ist die Kraft, die trägt, die einzige Kraft, die erträgt, auch so untermotorisierte Wesen wie mich.

Die Adlerkraft Gottes findet an Ostern ihre Form in der Kraft der Auferstehung, die alles zum Leben bringt, was allein nicht leben kann.

Es ist die Kraft, die den Tod besiegt und die weiterlebt, wenn wir nicht mehr weiterwissen und -können.

Auferstehung ist die Energie, die mich aufhebt und trägt und die macht, daß ich all das kann, wozu ich eigentlich nicht die Kraft spüre.

Adlerkraft Gottes ist die Kraft, die mich trägt, wenn ich selber schon gar nichts mehr davon spüren kann. Wenn ich nicht merke, daß ich getragen bin – spätestens dann ist es mehr, als ich glauben kann.

Ich kann es nicht und werde es nie können, werde immer damit überfordert sein.

Spätestens dann, wenn die Hüfte zwickt und der Knochen knackt, gelingt es, zu verstehen, daß die Kraft, die mich beschwingt, niemals die eigene ist.

Alexander Gelman schreibt in seinem Gedicht: „Wenn es noch unklar ist, ob es von dir oder von Gott abhängt, bete, daß es nach seinem Willen gelinge. Hindere den Allerhöchsten nicht an seiner Arbeit. Sei nicht böse, wenn er es sich anders überlegt.“ Amen.

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