Hesekiel 2, 1-5, 8-10
1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
Steh auf!
Das Sofa ist ein gemütliches Möbelstück. Experten nenne es auch „die Couch“ – nicht zu verwechseln mit einem Couch, deren es heutzutage so viele gibt.
Die Couch also verleitet eher dazu, sitzen zu bleiben, zu entspannen und auszuruhen – ungestört, versteht sich, möglicherweise stille zu sein und zu warten – auf was auch immer.
Hesekiel erlebt einen ganz anderen Weg. Gott beruft ihn zum Aufstand.
Er wird
1.Beauftragt zum Zoff
2.Gefüttert mit Klage, Ach und Weh
3.Leben ohne Applaus
1. Beauftragt zum Zoff
Ich sende dich zu den Abtrünnigen.
Gott ruft – zu einem Job, der kein Traumjob ist.
Es ist so ganz anders, als wir uns Berufung heute vorstellen.
Da ist nichts von Frieden, Liebe und Harmonie in aller Stille die Rede, sondern vom Gegenteil.
Prophet im alten Israel, das ist völlig spaßbefreit.
Gott braucht für sowas total mutige Leute, die zu allererst bereit sind, ihre ganz persönlichen Vorstellungen loszulassen.
Das trifft unsere geheime Sehnsucht nach Anerkennung und Harmonie mit voller Wucht.
Das Wort, das es zu sagen gilt, nimmt in die Pflicht.
Nicht ich kann mir aussuchen, zu was mich Gott beruft, sondern Gott sucht es aus.
Das ist durch alle Zeiten so. Echte Berufung kann dort nicht geschehen, wo ich Bedingungen stelle oder mich selber verwirklichen will.
Es geht um das Wort.
Gott war das Wort, das wahre Wort, das gesprochen hat.
Wer sich auf dieses Wort einläßt, muß auf einen hohen Adrenalinpegel eingestellt sein.
Wort Gottes sucht nicht den Applaus, sondern die Wirkung, und alle, die damit zu tun haben, müssen den tiefen Ernst begreifen lernen.
Prophet im alten Israel ist ein zermürbender Job, belastend, unrentabel, aussichtslos, erfolglos.
Gott stellt Hesekiel genau das Gegenteil von einer Massenbekehrung in Aussicht.
Es ist nicht die Berufung zu einem beliebten Kanzelredner mit tausenden Likes.
Das Wort, das Gott gesprochen haben will, ist kein unverbindlicher Diskussionsbeitrag oder eine Meinungsäußerung unter vielen. Es ist keine kluge Überlegung eines kühnen Denkers – nur eine Botschaft, die es auszurichten gilt.
Es geht um das Wort, das so anders ist als unsere Worte, die verwehen.
Das Wort ist das Wort der Wahrheit, die genau dann besteht, wenn alles andere verweht.
Das Wort, das uns aufrichtet und niederschmettert, tröstet und hinterfragt, beschützt und fordert in der Wirklichkeit unseres Lebens.
Hesekiel ist gerufen, zum Wort-Mechaniker zu werden, zum Wächter über alles, was danebengeht, zum Störenfried, zum Rufer und Mahner.
Seine Mission und Botschaft ist
2. Gefüttert mit Klage, Ach und Weh
Da ist nix Positives, nix Aufbauendes, nix Ermunterndes.
Es ist die Kritik am selbstverliebten Lebensstil des Volkes.
Der Prophet wird aber nicht zu den Heiden, sondern zu den Frommen, zu Gottes auserwähltem Volk geschickt, zum Volk des Widerspruchs: Harte Herzen, versteinerte Mienen, Dornen und Disteln, Skorpione.
Es geht bei der Botschaft um Schuld, Schuld zu erkennen und zu benennen – nicht bei denen da draußen, den anderen oder den alten Israeliten.
Es geht um jeden Menschen, der im Haus der Abtrünnigkeit wohnt, und da wohnt so ziemlich jeder.
Der Theologe Voigt sagt: „Es ist noch nicht der schlechteste Fall, wenn ein Mensch bekennt: „Bedaure, mir ist das Glauben eben nicht gegeben.“
„Wir Gottlosen“ schreibt Paulus an anderer Stelle. Er formuliert darin die Erkenntnis, daß es den vollkommenen Christen gar nicht gibt.
Das Wort der Wahrheit, das der Prophet sprechen soll, benennt den Mißstand, den es wirklich gibt: Schuld – nicht zum Zwecke, jemanden herabzuwürdigen, sondern um einen besseren Weg zu ermöglichen.
Da, wo Gott mit allem einverstanden ist, was ich denke und tue, ist die Gefahr groß, daß ich in Wahrheit im Haus des Widerstands wohne.
Genau da verschwindet der Unterschied zwischen Frommen und Heiden, denen da drinnen und die da draußen.
Es geht um unseren ureigensten Widerspruch, der die Klage Gottes verursacht, unsere Ablehnung.
Das Prophetenamt ist nicht dazu bestimmt, uns voll auf den Wecker zu gehen, vielmehr das Ohr zu öffnen für das Wort.
Gottes Sicht und meine Sicht können zwei völlig verschiedene Welten sein, die durch das Wort in Übereinstimmung gebracht werden sollen.
Dieser Weg kann kein leichter sein.
Für Hesekiel führt es zu einem
3. Leben ohne Applaus
Klage, Ach und Weh kommt beim Empfänger nie so gut an wie beispielsweise der neuste Jesus-Witz.
Hesekiel ist aber nicht zum Kabarettisten berufen, sondern zum Prophetenamt.
Humor braucht`s dazu auch, unbedingt. Das Wort ist aber eine tiefere Angelegenheit.
Es kann nicht ohne Rumor gepredigt werden – sagt Luther.
Es kommt darauf an, daß Gott bei uns eindringt.
Also nicht der ungefährliche, immer mit uns einige, voller Harmonie scheinende, sondern der wirkliche Gott, der Heilige, der Lebendige, der den Mut hat, die Wahrheit über uns auszusprechen, die Wahrheit, die wir uns selber gerne verschweigen.
Die Wahrheit, die uns aber allein die Gelegenheit zur Verwandlung gibt, zur tiefgreifenden Veränderung.
Diese Wahrheit soll unverdünnt und möglichst klar am Sonntag von der Kanzel geredet werden, als Mittelpunkt des Gottesdienstes.
In ihr soll Gott selbst zu Wort kommen.
Aus dieser Erkenntnis heraus kann ein Gottesdienst nur dann Gottesdienst heißen, wenn dieses unbequeme Wort in seiner Mitte steht.
Das Wort will uns vom Sofa ziehen, vom Hocker reißen und vom Stuhl hauen.
Es wird nicht verkündigt, um beklatscht, gefeiert oder umarmt zu werden, sondern um wach zu machen.
Es ist schön und trotzdem nicht verboten, zu applaudieren. Das hätte die Barmherzigkeit Gottes regelmäßig verdient, taugt aber nicht dazu, uns die nötige Standfestigkeit zu geben, die so wichtig ist, um in den Auseinandersetzungen der Wirklichkeit zu bestehen.
„Steh auf“ spricht Gott zu Hesekiel. Dieser Satz ist dafür geeignet, uns alle vom Sofa zu reißen um aufzustehen für das, was Gott uns speziell in Christus anvertraut. Amen.