Mit Charisma auf neuen Wegen

Bruder Theophilos öffnet die Klostertüren der Dettinger EBK-Blumenmönche in der Buchhalde. © Foto: Christina Hölz

Nach dem Aus für Pflegeheim und Blumenladen:
Der ungewöhnliche Neuanfang der Blumenmönche

Die Blumenmönche wagen Neues – nach Unfällen, Großfeuer und der tragischen Schließung ihres Seniorenheimes. Wie Bruder Theophilos, das Gesicht der Glaubensgemeinschaft, dem Kloster auch finanziell hilft

05. November 2022 • Dettingen/Kreis Reutlingen

Ein Artikel von Christina Hölz

Aus <https://www.swp.de/lokales/metzingen/ebk-blumenmoenche-dettingen-nach-dem-aus-fuer-pflegeheim-und-blumenladen_-der-ungewoehnliche-neuanfang-der-blumenmoenche-67455205.html#modal-tab-anmeldung>

 

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Das wussten schon die alten Griechen. Der Mann, den in Dettingen alle unter seinem Ordensnamen Bruder Theophilos kennen, weiß nur zu gut, was das bedeutet. In der Gemeinde war er über Jahrzehnte das Gesicht der evangelischen Bruderschaft Kecharismai – besser bekannt als die EBK-Blumenmönche. Heute beginnt für ihn ein ganz neuer Lebensabschnitt.

Aber der Reihe nach. Die Glaubensgemeinschaft der EBK gehört mit ihrem Anwesen in der Buchhalde zum Ort wie die Kirschen und das Calverbühl. Nicht nur, weil die Mönche bis vor wenigen Monaten ein Seniorenheim hoch über Dettingen betrieben haben. Sondern vor allem, weil Bruder Theophilos bei vielen schönen, festlichen und traurigen Anlässen eine erste Adresse für viele Menschen im Ermstal war: Der Pflanzenfachmann leitete das Blumenhaus der EBK-Mönche in der Metzinger Straße. Sein fachlicher Rat war gefragt bei Hochzeiten, Taufen, Geburtstagen und Beerdigungen. Kurz, bei vielen wichtigen Lebensdaten.

Tod und Trauer

Oft hat Bruder Theophilos Anteil genommen an diesen Einschnitten. Auch dann, wenn es um Tod und Trauer ging. Hinter den Lachfalten des grau melierten Sechzigers verbirgt sich ein Charakter mit Tiefgang. Offen und emphatisch erzählt er von seiner Arbeit als Florist, die ihm zu einer Art Lebenswerk geworden ist, wie er sagt.

Dennoch hatte der Mönch zuvor ein anderes Handwerk gelernt – er wurde Schreiner. Als ganz junger Mann musste er dann erfahren, was es heißt, neu anzufangen. Beim Zimmern einer Theaterbühne erwischte die Kreissäge vier Finger seiner rechten Hand. Nur einen Stummel konnten die Ärzte noch retten – für die Schreinerei bedeutete dieser Unfall das Aus.

Bruder Theophilos stellte die Weichen neu. Mit 19 Jahren trat er in die christliche Glaubensgemeinschaft ein, übernahm später die Geschäfte im EBK-Blumenladen. Schon als Kind hatte er die Blumen auf den Wiesen bewundert. „Und es war schon immer mein Wunsch, Menschen zu berühren. Mit floralen Werken ist das möglich.“

Die letzten Monate allerdings wirbelten das sonst ruhige Klosterleben der EBK-Mönche kräftig durcheinander. Mitte des Jahres mussten die gut 20 Brüder und Schwestern ihr Altenpflegeheim „Haus Geborgenheit“ in der Buchhalde schließen. Geschuldet war das der neuen Landesbauverordnung für Pflegeeinrichtungen. Die räumlichen Vorgaben waren auf dem Grundstück der Mönche nicht umzusetzen, einen Neubau konnte der Orden nicht stemmen, sagten die Verantwortlichen damals dieser Zeitung. Doch mit dem Ende des Pflegeheims ist für die Bruderschaft eine wichtige Einnahmequelle weggebrochen. Die Mönche lebten einerseits davon, andererseits von ihren eigenen Gartenbaubetrieben und dem Blumenhandel. Auf vielen Wochenmärkten in der Region haben die Frauen und Männer in den grünen Kutten ihren festen Platz. Und dort werden sie auch weiterhin das Straßenbild prägen – während sich Bruder Theophilos in Dettingen von seinem Lebensprojekt verabschieden musste: Nach fast zwei Jahren Pandemie, Zwangspausen und finanziellen Hängepartien stand im Februar auch der EBK-Blumenladen vor dem Aus.

Das Aus für den Blumenladen

Am Ende fehlte es dort nicht nur am nötigen Personal, sondern auch an der wirtschaftlichen Rentabilität, erklärt Bruder Theophilos. Zu wenig, um weiterzumachen – auch für einen christlichen Orden, der weit weniger nach Gewinnmaximierung strebt, als etwa ein börsennotierter Konzern. Den Druck unserer Leistungsgesellschaft hat aber auch der Mönch zu spüren bekommen. Da war wieder etwas, das nicht funktionierte. Zum wiederholten Mal.

Dass das Arbeitsleben noch nicht zu Ende sein konnte, war dem 61-Jährigen klar. Nicht nur, weil er selbst voller Energie steckt – sondern auch, weil er einen finanziellen Beitrag zum Klosterleben leisten wollte.

Was seine neue Aufgabe sein könnte, das spürte der Mönch an diesem emotionalen Tiefpunkt. „Schon mehrfach habe ich erlebt, wie es sich anfühlt, wenn alles wegbricht“, erzählt er – und meint damit nicht nur das Ende seiner beiden ersten Berufslaufbahnen. Auch im Jahr 2003 standen die Mönche vor dem Nichts. Damals hatte ein Großbrand auf dem Anwesen gewütet – vom Bruderschaftshaus blieben nur noch Ruinen übrig.

Auch damals fing die Gemeinschaft neu an. Sie baute ihr Haus wieder auf, machte weiter. Erlebnisse, die Theophilus halfen, sich auf sich zu besinnen, wie er sagt. „Der äußere Druck hat mich nach innen geführt“, beschreibt der Mönch. Und plötzlich sei ihm klar geworden, was seine neue Aufgabe sein sollte: Er wollte anderen Menschen helfen, zu sich selbst zu finden, gestärkt aus Krisen und Gefühlschaos hervorzugehen – und zwar mit Seminaren im Kloster.

Viel Zeit investiert

Dabei will der 61-Jährige nicht nur aus seinen eigenen Lebenserfahrungen und der Spiritualität des Klosterlebens schöpfen. Um sein Angebot auf eine fundierte Grundlage zu stellen, ließ er sich zum „Life Trust Coach“ ausbilden. Einiges an Zeit und Geld hat er in seine Studien investiert.

Möglich machte das auch der Erlös seines Buches „Sei ruhig unvernünftig“. Auch da ruft der Autor dazu auf, „sich auf das Urvertrauen im Leben zu besinnen“.

Das soll ab jetzt auch für seine Seminare gelten. Platz ist im Kloster übrigens genug. Nicht nur zum Übernachten – das Haus bietet auch Seminarräume und Orte der Stille für die Meditation.

Das Charisma des Ordens soll die Besucher begleiten, wünscht sich Bruder Theophilos. Denn Charisma steckt schon im Namen der Gemeinschaft: Kecharismai.

Seminare im Kloster der Blumenmönche

Das nächste Ganztags-Seminar der Charisma-Reihe findet am Samstag, 5. November,  von 9.30 Uhr bis 18 Uhr mit stark begrenzter Teilnehmerzahl im Seminarraum und Kreuzgang des Klosters der Blumenmönche in der Schubertstraße 18 in Dettingen. Das Seminar trägt den Titel: „Lass deine Hüllen fallen. Sei bereit, deine wahre Größe in der Tiefe deines Seins zu entdecken“, es moderiert Bruder Theophilos, der dafür eine Coaching-Ausbildung absolviert hat.

Weitere Infos im Netz unter https://www.ebk-blumenmönche.de

3 Antworten

  1. Eine sehr eindrucksvolle, respektvolle und bedeutende Lebensgeschichte. Unser Frühstück dauerte heute sehr sehr lange. Die Lebensgeschichte des Bruder Theophilos hat uns sehr beeindruckt. Ich denke an moralische und diktatorische Floskeln der kath. Kirche. Wie wenig erleben und kennen die Herren in Rom das wirkliche Leben. „Erasmus von Rotterdam trat für die menschliche Würde und Toleranz ein. Gemeinsamkeiten zu achten, statt auf Trennendes zu pochen. Kirche kann nur Bestand haben, wenn sie sich von ihren Dogmen distanziere.“ So sehe ich das auch. Warum sind unsere Kirchenbänke leer und immer leerer. Nicht blinder und eifriger Aktivismus kann den Glauben retten. Innere tiefgreifende Erfahrungen aufgrund von Lebensereignissen können unsere Sichtweisen verändern. Die Frage bleibt dennoch, wenn Gott in uns ist, warum muss man den Glauben an ihn erst über Schicksalsereignisse erkennen lernen? O.K. ich kenne das von mir auch. Erst tiefgreifende Erlebnisse und Ereignisse führen zu neuen Erkenntnissen. Tun und Handeln geben dann Kraft und Energie, weil ein anderer Lebenssinn erhellt wird. Danke Bruder Theophilos für Deine Offenheit und ich werde dein Buch kaufen und werde damit Weihnachtsgeschenke einkaufen.

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