Der Lebensflüsterer

-Br. Markus- Apostelgeschichte 8, 26-39

„Als Pferdeflüsterer bezeichnet man Menschen, die besonders gut mit Pferden umgehen können. Sie verwenden dafür spezielle Methoden der Kommunikation. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, das Verhalten und die Körpersprache von Pferden zu verstehen. Daher sind gute Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen die Grundvoraussetzung. Das erlernte Wissen über die sogenannte Pferdesprache wird genutzt, um mittels Gesten mit den Tieren in Kontakt zu treten. Der heutige Pferdeflüsterer flüstert mit seinen Pferden. Er verzichtet auf Gewaltmethoden wie Schmerzeinwirkung auf den Kopf, Peitschenhiebe und das Anbrüllen. (Wikipedia)

Als „Lebensflüsterer“ bezeichnet man Menschen, die besonders gut mit anderen Menschen umgehen können. Dafür sind gute Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen hilfreich – und viel, viel mehr.

1.          Vom Wort bewegt

Ein Engel des Herrn forderte Philippus auf: „Geh in Richtung Süden, und zwar auf die einsame Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt.“

Philippus machte sich sofort auf den Weg. Es ist heiß, drückend heiß – vielleicht nicht so schwül, aber noch viel heißer als hier bei uns, Mittagszeit – nicht einmal die Verrückten gehen um diese Uhrzeit in südlichen Ländern raus. Die Straße von Jerusalem nach Gaza ist eine der weltwichtigsten Handelsstraßen in der Zeit des Textes, vergleichbar mit unserer A 3 von Frankfurt nach Köln. Wer von uns würde um Mitternacht an die Autobahn A 3 gehen zum Missionseinsatz? Um Mitternacht fährt auf der dicht befahrenen Autobahn kaum jemand, so wenig wie in der Mittagshitze von Jerusalem nach Gaza.

„Ein Engel des Herrn forderte Philippus auf“

Es ist hier keine sorgfältig geplante Evangelisation, sondern ein wilder Ein-Mann-Einsatz zu einer völlig unmöglichen Uhrzeit. Der Engel des Herrn ruft – nicht zu einem durch persönliche Stille und gründliche Meditation vorbereiteten Einsatz in kirchlichen Räumen. Der Engel des Herrn ruft auf den heißen Asphalt, in den Dreck der Piste, zu einem äußerst unwahrscheinlichen Treffen, ins Gedröhn des Werktags. Gottes Stimme, die Stimme des Engels, ereignet sich eben nicht, wenn ich es will, sondern wenn Gott spricht – ist ganz normal. Der andere redet, wenn er es will, nicht wenn ich meine, dass er mir was sagen müsste. Gott spricht nicht dann, wenn ich es plane, sondern wenn er will – jetzt oder nachher. Gott spricht nicht dann, wenn ich es plane – sondern wenn er will. Gottes Augenblick kann in meiner Ruhe oder in meiner Unruhe sein. Es ist in jedem Fall seine, also nicht meine Entscheidung.

Ich rede auch nur, wenn ich was zu sagen hab. Gott spricht, wenn er was zu sagen hat. Lebensflüsterer kann nur sein, wer das verstanden hat. Lebensflüsterer kann nur sein, wer ansprechbar ist. Lebensflüsterer kann nur sein, wer leise geworden ist, so leise, dass er das Flüstern der Engel hören kann. Das hat nichts mit Spinnerei zu tun. Gerade dann, wenn ich Gott zwinge, zu meiner Zeit zu reden, ist die Gefahr einer Einbildung umso größer. Gottes Wort bricht in meinen Alltag ein, nicht ich in Gottes Welt. Engel kann nur hören oder sehen, wer die eigene Erwartung zurückschraubt. Es kann im Garten sein, es kann im Büro, beim Einkaufen, unterwegs oder sonst wo sein, dass das Flüstern eines Engels mich stört, wachrüttelt, erschreckt oder zurücknimmt – eben weil nicht meine Einbildung, sondern ein anderer spricht. Das Flüstern des Engels kann eine Störung sein, selbst meines frommen Lebensplans. Nur dort, wo ich beweglich werde, nur dort, wo ich auch hören will, kann es mich erreichen, das lebensschaffende Wort. Wer einen Engel hören will, muss von 0 bis 24 h das Ohr aufmachen, wie eine Hotline, immer und überall. Heiliges Wort trifft mich auch am unheiligen Ort. Heiliges Wort erreicht mich auch und gerade, wo ich mich weit, weit weg von Gott fühle. Es erreicht mich und gibt mir Mut.

Lebensflüsterer

2.          Trauen sich raus

Christen sollen Lebensflüsterer sein, lebendig gemacht durch Gottes Wort andere lebendig machen. Das Wort bleibt nicht allein. Dort wo es allein bleibt, ist es nicht Gottes Wort. Es ist lebensschaffendes Wort, das zum anderen führt, zu dem, der Leben braucht. Das fordert ungemein heraus, weil man die eigene Grenze überwinden muss, die Angst. Als ich das erste Mal auf dem Wochenmarkt war, hab ich mich kaum getraut, jemand anzusprechen. Der Schritt hin zum anderen sprengt oft den Rahmen meiner Vorstellung, meiner Sympathie oder Einstellung. Es ist eben nicht die Stimme Gottes, die mich zu meinem Lieblingsmenschen ruft, sondern zum ach so anderen Anderen. Da ist es gefordert, sich aus dem Gebüsch der eigenen Angst herauszuwagen. Es liegt doch nicht daran, dass wir keine Gelegenheit hätten. Die Straßen der Stadt sind voll von Hofbeamten, die vorbeifahren. Die Straßen sind voll von Menschen, die unsere Unterstützung brauchen. Angst ist ganz normal. Es gibt immer tausend Gründe den Mann oder die Frau, die Gott uns schickt, vorbeifahren zu lassen, gar nicht erst aufzubrechen aus Angst, es könnte schief gehen. Zu viele schlechte Erfahrungen hat man ja immer schon gemacht.

Am christlichen Glauben kann man teilnehmen. Zu den Abenteuern des Glaubens muss jeder für sich selbst aufbrechen“ sagt der Theologe Jetter.

Der Andere ist immer ein Risiko. Ich aber auch. Lebensflüsterer kann man nur sein, wenn man den Mut hat, dabei baden zu gehen, zu scheitern oder aufzulaufen. Das hat nichts mit Selbstzerstörung zu tun. Es ist einfach nur das ganz normale Berufsrisiko des christlichen Glaubens. Vertrauen muss immer gewagt werden. Gott will, dass wir es wagen, zu lieben – auch das, was gar nicht liebenswert scheint. Gott will, dass wir uns rauswagen aus dem Unterholz unserer Ängste, Ahnungen und Befürchtungen – hinein in den weiten Raum des lebensschaffenden Wortes.

In der Welt habt ihr Angst“ sagt Christus.

Die Angst ist ganz normal. Der Glaube verdrängt auch keine Angst. Er glaubt trotz aller Angst, und es steht nirgends geschrieben, dass man dabei keine Narben abkriegt. Die Aufgabe des Philippus ist es, mitzufahren mit diesem unbekannten schwarzen Mann, der soviel reicher, mächtiger und gebildeter ist als er selbst. Es besteht das Risiko, hinter der nächsten Sanddüne ausgeraubt, ermordet, übervorteilt oder sonst wie beschädigt zu werden. Es gäbe tausend berechtigte Gründe, nicht mitzufahren, daheim zu bleiben und auf die nächste Gelegenheit zu warten.

Lebensflüsterer tun das nicht.

3.          Sie fahren mit

Es wäre viel risikofreier gewesen, hätte Philippus dem Hofbeamten ein Traktat oder einen Link für’s Internet besorgt, wo er sich hätte können schlau machen oder so. Er tut das nicht. Er fährt mit, mit dem anderen, mit auf Risiko. Christliche Nächstenliebe versteht sich nicht als Besserwisserei, die man dem anderen schnell auf’s Auge drückt. Es geht um wesentlich mehr. Gott gewinnt den Mensch durch Hingabe. Das prägt den Weg für alle, die ihn gehen wollen. „Seite an Seite“ heißt sein Konzept, nicht „von oben runter“ und auch nicht „mit Gewalt. Durch sein Wort macht er lebendig, durch sein Wort gewinnt er in uns Gestalt, und durch uns will er sich neben die anderen setzen, die sich schwer tun, zu glauben. Gottes Wort will in uns die Gestalt gewinnen, die uns zu Lebensflüsterern macht, zu Menschen, die Leben nicht nur haben, sondern weitergeben, auch durch Drüber-Reden, durch lebendige Mission. Ob man dabei flüstert oder nicht, ist eigentlich egal. Die Lautstärke spielt keine Rolle, die Art und Weise aber schon.

Lebensflüsterer haben Einfühlungsvermögen in den anderen. Man muss ja nicht die Pferdesprache sprechen. Es reicht schon, Worte zu finden, die der andere versteht und auch das Tempo, in dem der andere geht. Mitfahren kann auch Zuhören sein, zuhören, wenn’s harte, beleidigende, kritische oder verzweifelte Worte sind, die der andere spricht. Mitfahren heißt in jedem Fall, bereit zum Risiko „Enttäuschung“ sein. Gott will mich, dass ich derjenige bin, der sich an die Seite des anderen setzt. Gott will mich, um durch mich auf den anderen zu lauschen. Gott will mich, um das warme Herz am kalten Ende dieser Welt zu sein. Gott will mich, um lebensschaffendes Wort statt sterbende Hoffnung zu sein.

Es ist nicht  wichtig, ob ich zu müde, zu gestresst, ausgelaugt oder unsicher dazu bin. Das Wort des Lebens wirkt in sich allein. Es braucht nur einen, der es weitersagt. Jeder kann das sein, jeder soll das sein, jeder auf seine Art – jeder, der es erlebt hat. Jeder Christ soll ein Lebensflüsterer sein, einer, der sich die Zeit nimmt, die er gar nicht hat, um sich an die Seite eines anderen zu setzen, der ein Kapitel oder das ganze Leben, die Welt oder sich selbst nicht versteht.

Wir können das sein. Wir sollen das sein: die Flüsterer des Lebens. Es gibt keine schönere Nachricht, die man erzählen kann.

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