Bitte wenden!

-Br. Markus- Matthäus 4, 12-17

 

Jeder Tag ist voller Kreuzungen. Rechts, links oder geradeaus? Nehmen Sie den kürzesten oder den schnellsten, den schönsten oder den anspruchsvollsten Weg? Im Zeitalter von Satelliten ist es schnell gemacht. Da gibt es eine Stimme, die mir sagt, wie zu fahren ist – und es klappt – meistens, weil der Satellit einen besseren Blickwinkel hat. Der Satellit kann, was ich nicht kann. Er hat die Übersicht, draußen im All, über mich, der ich tief in den Häuserschluchten der Großstadt Orientierung suche, mein Ziel. Bitte wenden! Umkehren, wenn es nicht klappt, ist verkehrstechnischer Alltag. Umkehren, wenn es ein anderer sagt, eine Stimme aus einem 80 Euro teuren Plastikgerät. Eigentlich krass. Wir wenden auf Befehl eines oder einer anderen, ohne zu fragen, ob es Sinn macht. Unser Vertrauen in Plastikgeräte ist so groß geworden, dass wir uns von ihnen steuern lassen. Bitte wenden! ist aber auch eine Botschaft, die Christus spricht zu Anfang seines Wirkens auf der Erde.

1. Erneuerte Blickrichtung

Wohin gehen wir 2017? Wohin schauen wir? Was liegt an? Was planen wir?

Bitte wenden! sagt Christus zu Israel. Umkehr als erste Voraussetzung für den besseren Weg. Da ist nicht eine Kultur religiöser Unstetigkeit gemeint. Für uns sowieso außer Frage, dass die grundsätzliche Umkehr zu Gott fester Bestandteil unseres Lebens ist, sonst wären wir ja heute nicht hier. Allein in einer Bekehrung erschöpft sich die Christusbotschaft nicht. Es geht um Beweglichkeit zu jeder Zeit, Veränderungsbereitschaft des Menschen für Gott, nicht nur ein einziges, bekehrungstechnisches Mal, sondern öfter, eher immer. Veränderung beginnt mit unserer Blickrichtung – nicht nur auf das, was ich schaue, sondern viel mehr, wie ich denke. Aus meinem Denken und Empfinden formt sich das, was ich will, die Entscheidung, wohin ich geh. Da wirken tausend Stimmen auf mich ein, tausend bunte Bilder vor den Augen, tausend Möglichkeiten, die zu haben sind. Da muss man doch schauen, dass man nichts verpasst. Es wäre allzu einfach, wenn sie so einfach zu hören wäre wie die Dame aus dem Navi, die Stimme, die mir sagt: links, rechts oder geradeaus. Stimme Gottes reicht weiter – schon allein deshalb, weil es nicht Gottes Art ist, nur Befehle abzusetzen, die der Mensch befolgen muss. Eben das wäre ja Sklaverei.

Christus erneuert die Blickrichtung. Er vergewaltigt nicht. Trotzdem ist es nicht einfach, diese Stimme zu hören. „Höre auf dein Herz“ sagen manche und erklären damit ihres Herzens Stimme zur Gottesstimme. Das ist zwar schön und klingt gut, funktioniert aber nur begrenzt. So einfach ist es nicht. Nicht immer ist die Stimme meines Herzens Gottes Stimme. Wenn das so wäre, bräuchte ich Gott auch nicht. Meine kleine eigene Stimme kann zwar wie Gottes Stimme klingen, darin liegt aber auch eine große Verwechslungsgefahr. Meine Stimme ist gefangen in meinem Blickfeld, meinem geistigen Wendekreis und Gefühl. Gottes Blickfeld ist größer. Seine Stimme reicht weiter. Sie ruft zum Abenteuer des Glaubens genauso wie zum unscheinbaren Dienst im Staub auf der Straße. Sie kann in meiner oder der Stimme der anderen enthalten sein oder auch nicht. Eins ist sie aber nie: Produkt meiner Fantasie, deshalb auch nicht berechenbar und planbar.

Christus erneuert die Blickrichtung. Er nimmt uns nicht die Arbeit ab, die das ganz normale Leben macht. Er will den Aufblick zu ihm, der ein Blick weg von mir ist. Das ereignet sich zu allererst heute, hier und jetzt im Gottesdienst. Dazu sollte auch jede Predigt nutzen. Darin hat sie ihren höchsten Anspruch, Stimme Gottes zu mir zu sein, ausgehend aus dem Wort, zuallererst hier. In jeder Kirche, jeden Sonntag soll die Blickrichtung des Menschen neu aufgerichtet werden durch Gottes Wort. Erneuerte Sicht auf die Wirklichkeit in mir, über mich und die anderen und die Welt, in der ich lebe. Der erneuerte Blick ist ein scharfes Auge für die Wahrheit, gerade darin göttlich, dass er entzaubert von allem, was ich meine und fühle. Gottes erneuerter Blick entzaubert meine Scheinwahrheiten restlos. Eine Offenbarung, die nicht wirklichkeitstauglich ist, kann keine göttliche sein.

Wo ich Gottes Blickrichtung aushalte, entsteht
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2. Erneuerte Fahrtrichtung

Es geht ja das Gerücht, dass die in England gar nicht wissen, dass sie auf der falschen Seite fahren. Peinlich – oder nicht – wenn man nicht merkt, dass man falsch fährt, das Ziel nicht erreicht. Wenn ich jetzt in England wie hier fahre, funktioniert das auch nicht. Was auf der Insel richtig ist, kann auf dem Festland falsch ein und umgedreht. Gott ist aber kein Inselgott oder Festlandgott. In seinen Wertvorstellungen gibt es keinen Unterschied. Es ist keine Frage der Sichtweise einer Gruppe oder Regierung, was gilt und was nicht. Bleibt die spannende Frage, woran ich merke, ob ich falsch fahre oder nicht.

Wenn es mir gut geht? Bin ich auf Gottes Weg, wenn alles im grünen Bereich ist? Irgendwie erwartet ja jeder, dass Gottes Weg mehr Freude, mehr Harmonie, mehr Ruhe oder wenigstens Erfüllung bringt. „Gutes und Barmherzigkeit folgen dir lebenslang“ sagt der Psalmist, erkennt darin Gottes Güte. Gelingen kann auch ein Zeichen der richtigen Richtung sein. Es ist aber nicht generell die Frage, wie sich’s anfühlt. Es ist auch dann nicht zwangsläufig Gottes Weg, wenn er möglichst wehtut, auslaugt oder ausgebrannt macht. Das Problem ist, dass man’s streckenweise nicht sehen kann.

„Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, daß mich in meiner Krankheit Gott anschaut“ schreibt Commercon in seinem Buch über Aids.

Es kann keine Schablone geben, an der man abliest, wie richtig Gottes Weg ist und ob er’s ist. Paulus sagt: „Mir ist alles erlaubt, aber nicht alles nutzt mir.“ Wenn es mir nutzt in diesem Sinn, ist es Gottes richtige Richtung, auch wenn sich’s nutzlos anfühlt. Nutzlos scheint mancher Schicksalsschlag. Nutzlos, so scheint es, stirbt Bonhoeffer in einem Konzentrationslager. Nutzlos scheint doch so manche gute Tat, die ich tue. Veränderte Fahrtrichtung braucht verändertes Denken – eben, weil Glaube mehr ist als Schaumschlägerei. Es geht um ernsthafte Auseinandersetzung mit Christus, nicht im Sinne von Streit. „Dein Wille geschehe“ ist die entscheidende Frage.

Geschieht bei meinem Lebensweg Gottes Wille – eben nicht in Form von Sklaverei, sondern in Form von gewachsener Überzeugung. Bin ich zu Gott noch partnerschaftlich? Nutze ich meine Gestaltungsräume gemeinsam mit ihm, in seinem Sinn? Man muss nicht in die letzte Ecke einer Sackgasse fahren um zu bemerken, dass es da nicht weiter geht. „Öfter umdrehen“ heißt das Christusprogramm – nicht aus Prinzip, nicht deshalb, damit man mal was Neues probiert, nicht, weil’s chic ist, sondern dann, wenn man merkt, dass man am Ziel nicht ankommt. Man merkt nicht immer gleich, ob man falsch abgebogen ist. Man merkt aber, dass man nicht ankommt – irgendwann, spätestens dann, kann eine neue Fahrtrichtung doch nur Verbesserung bringen.

Steig ab“ sagt der alte Indianer, wenn du merkst, dass du einen toten Gaul reitest. Für Christus reicht das noch wesentlich weiter. Erfolg, Zustimmung oder Begeisterung sind nicht in jedem Fall der Beweis dafür, dass die Richtung stimmt. Christus mutet uns mehr zu. Es geht um innere Beweglichkeit, um eine laufende Prüfung meiner selbst, solange ich überhaupt unterwegs bin. Gott braucht keine Roboter, die einem programmierten Weg folgen. Er will selbstständige Partner, die zur Selbstkritik fähig sind, daraus heraus die Kraft zur Erneuerung finden. Christus will eine erneuerungsfähige Christenheit.

Er selbst schenkt dazu
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3. Erneuerte Energie

Es ist weniger der Neustart selber. Was Kraft braucht, ist die Umkehr. Wer gibt schon gerne zu, dass er dran vorbeigefahren ist. Die Einfahrt zu dem Ferienhaus, in das wir wollten, war eine Art zugewachsener Waldweg hinter Müllcontainern. Trotz guter Vorbereitung sind wir mindestens zehnmal dran vorbeigefahren. Der Weg sah überhaupt nicht wie eine Straße aus. Unvorstellbar, dass dahinter das gesuchte Ferienhaus liegen kann. Auch wenn man auf Waldwegen an’s Ziel kommt, war so eine komische Piste für uns nicht vorstellbar, jedes Mal dran vorbei eine neue Enttäuschung. Jeder Irrtum raubt Energie – vor allem Motivationskraft, es nochmal zu versuchen. Manche Menschen geben schon nach dem ersten Versuch auf, andere nach dem dritten, manch einer nie. Christus will, dass wir zur allerletzten Sorte gehören, stur wie ein Ochse in der Bereitschaft, es zum tausendsten Mal zu probieren. Nur wenn der tausendste Versuch klappt, waren die 999 anderen Versuche nicht umsonst. Die Leute auf dem Markt bewundern immer unsere Sträuße und fragen, wie man’s macht, um so schön binden zu können. Ganz einfach: Die ersten tausend Sträuße werden nix, und dann wird’s langsam besser. Nichts braucht aber soviel Energie, wie die ersten tausend falschen Wege.

„Bitte wenden“ sagt Christus. Wenn er das sagt, weiß er auch, dass es nur eine einzige Adresse gibt, bei der erneuerbare Energie dafür zu haben ist. Fangen wir also ruhig noch mal von vorne an – gerade dann, wenn’s nicht mehr weitergeht. Amen.

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