Neu gemacht

Jeremia 31, 31-34

31 So spricht der Herr: „Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe.

32 Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie mit starker Hand aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war!

33 Der neue Bund mit dem Volk Israel wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.

34 Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ‚Erkenne doch den Herrn!‘ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt!

Neu gemacht

Beim Kirschbaum ist es relativ einfach. Er treibt ein paar schöne, grüne Blätter, blüht ein bißchen – und schon steht er viel besser da – als letztes Jahr, meine ich, im Oktober, als er abgeerntet und auch das letzte dürre Blatt von seinen kahlen Zweigen runter war.

Der Kirschbaum erneuert sich jedes Jahr. „Alles neu macht der Mai“ – wissen wir ja – einmal im Jahr.

Um eine wesentlich größere Erneuerung geht es im Predigttext.

Neu gemacht für diese Welt, neu gemacht für jetzt und für alle Zeit, neu gemacht für die Stunde und Sekunde, in der die Zeit vergeht wie ein Leben, und die dazu geschaffen ist, die Welt zu revolutionieren.

Gott ist einer, der jeden Augenblick einzigartig macht.

Sein neuer Bund ist

1. Ein alter Hut

der

2. Alles umkrempelt

3. Was das mit uns macht

1. Ein alter Hut

31 So spricht der Herr: „Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe.

Der neue Bund – heute schon über 2.000 Jahre alt, scheint da nicht immer taufrisch.

Ein neues Handy braucht man alle zwei Jahre, und manch eine Beziehung überlebt den Handy-Vertrag nicht.

Für uns sind schon schlanke 50 Jahre gemeinsames Leben zu feiern oder an Geburtstagen zu bedenken.

2020 Jahre Christus wirken da nicht unbedingt wie eine Neuerscheinung, zumal es auch ein alter Hut ist, daß Gott den Menschen haben will.

Das war eigentlich schon immer so. Neu ist das nicht.

Gott will – das ist dasselbe alte Lied, die selbe alte Leier – neu jedenfalls nicht.

Gottes Absicht ist das Verbindungsstück. Sie ist unveränderlich durch alle Zeiten, aber sie ändert den Weg, nicht das Ziel. Gemeinschaft, Koinonia auf ewig, ist Gottes uralte Absicht, die in Christus allein völlig neue Wege geht, um völlig neue Lebenswege zu ermöglichen.

In Christus ist derselbe alte Gott taufrisch, im Abendmahl, im Bündnis der Eucharistie, so aktuell wie nie zuvor.

Das ändert sich jeden Augenblick und eigentlich nie.

Der neue Bund, der eucharistische Bund, ist ein Selbstläufer, ein Selbsterneuerer, ein selbsterfrischender Bund, der in dem Augenblick, in dem Eucharistie gefeiert wird, jedesmal neu ist, seit Tausenden Jahren schon, für immer und ewig.

Alter Hut und neuste Mode zugleich – es ist dieselbe Absicht, aber ein völlig neuer Weg, den Gott geht.

In Christus geht Gott immer neue Wege, ohne seine alte Absicht aus dem Auge zu verlieren.

Er will uns, wir sind seine Absicht.

Er will nicht ohne uns, sondern mit uns und durch uns.

Der neue Bund ist keine Ergänzung, sondern eine totale Reformation des alten Bundes.

Gott frischt unsere Beziehung auf und gibt sich – nicht wir.

Christus bringt neuen Wind in das alte Segel, jeden Tag neu in dem Augenblick, in dem wir uns beleben lassen.

Christus – das

2. Krempelt alles um

Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen.

Die moderne Philosophie hat eine interessante Erkenntnis gewonnen. Sie sagt: Der Mensch ist in sich selbst nie vollständig gegenwärtig. Er kann sich nicht eigenständig analysieren geschweige denn verändern, er braucht dazu einen Geburtshelfer.

Seit Adam und Eva war das so. Und genau deshalb sehen auch einige gute Theologen große Gefahren in persönlicher Stille und Einsamkeit, weil wir alle dazu neigen, unsere eigenen Wahrnehmungen als Wahrheit zu betrachten, unsere Erkenntnisse als richtig zu empfinden.

Wir neigen dazu, ohne Geburtshelfer leben zu wollen, ohne einen von außen, ohne zweite Meinung über uns selbst.

Gott will das nicht. Es reicht nicht aus, nur vor sich selber gerade zu stehen. Viele Verbrechen wären sonst nie passiert.

Gott will in Christus unser Geburtshelfer sein, die zweite Meinung über uns, die ungeschminkte Wahrheit, die unbequeme Wahrheit, die anstrengende Wahrheit, und vor allem die barmherzige Wahrheit.

„Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen.“

Das bedeutet, daß ein anderes Gesetz mich prägt, nicht mein eigenes.

Es ist aber nicht nur vom Gesetz, sondern auch vom Denken und Handeln die Rede, also auch von der Art, wie mit dem Gesetz umgegangen wird.

Ich bin eben nicht der heilige Leuchtturm, der steil und fehlerlos aus der bösen Welt und der Finsternis ragt, sondern allzumal Sünder, wie Luther es sagt.

Allzumal Sünder – leider nur das, zu mehr hat es selbst bei mir nicht gereicht.

Ich bin nicht der Messias, sondern einer, der selber dringend Erleuchtung braucht, eigentlich unfähig zur Erkenntnis, auf Gott angewiesen, der uns Erkenntnis bringt.

Der neue Bund ist Bund derer, die sich diese unangenehme Tatsache bewußt machen lassen.

Der neue Bund ist ein Bund der Für-Gott- ansprechbar- Gewordenen, der Hörenden, der Erschütterten über sich selbst.

Es geht darum, Gottes Stimme zu hören. Jeder kann sie hören, jeder ist dazu berufen, ein Erneuerter durch Gottes Geist zu sein.

Ich bin als Rebell geboren, als einer, der selber weiß, woher er kommt und wohin er geht und wie man es macht.

Und da ist es ein anstrengender, mühsamer Lebensweg, den eigenen Weg zu verlassen, um sich in Herz und Sein neu programmieren zu lassen.

Die eigene Angst steht dem Geist Gottes dabei häufig im Weg.

Es ist aber kein Gehirnwäscheprogramm, sondern seriöser Überzeugungsweg.

Gott will in Christus mein Geburtshelfer sein,  neu anzufangen, neu nachzudenken, neu aufzuwachen, neu festzuschreiben, neu zu leben in allem, was danebengeht – umgekrempelt in Herz und Sinn.

3. Was das mit uns macht

Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden.

Wir sind gerecht gemacht.

Alles wird neu – und es bleibt nicht dabei.

Der neue Bund ist kein abgeschlossener Vollzug, sondern Bewegung.

Der Bund der Erneuerung in allem und für alle – es gibt keinen besonderen Personenkreis mehr, keine Ausgrenzungen.

Wir sind dazu bestimmt, in Gott aufgehoben zu sein.

Das ist viel mehr, als in sich selbst zu ruhen, sich in seinem Körper oder seiner Familie zuhause zu fühlen.

In Christus sind wir in Gottes Gerechtigkeit zuhause.

Der neue Bund in seinem Blut beendet die Jagd nach einem besseren, vollkommeneren oder gerechteren Dasein.

Es macht frei, frei sich erneuern zu lassen.

Es sind dann nicht mehr die anderen schuld, die Politiker oder die Gesellschaft, wie bei Karl Marx, sondern ich selbst, der dazu stehen kann, weil meine Schuld durch meinen Bündnispartner abgetragen ist.

Die Kirche hat die Schuld nicht erfunden, sie zeigt einen Weg auf, entschuldet zu leben. Das ist ein großer Unterschied.

Gottes Gerechtigkeit sorgt dafür, daß unser Planet bewohnbar bleibt und alle, die auf ihm leben, wirklich leben können im Vollsinn des Wortes, als erneuerte Menschheit.

Im neuen Bund sorgt Gott dafür, daß mein Traum vom Leben nicht zum Alptraum wird, sondern zu einer ganz neuen Geschichte von mir und Gott und all den anderen. Im neuen Bund geht es um enge Vertrautheit mit Gott, nicht um strenge Vorschriften, die wir uns machen oder auch nicht.

Es geht um Reformation des Augenblicks, die Stunde, in der ich lebe, zu einer Gottesstunde werden zu lassen, den Augenblick zu einem Christusmoment, zu einer Stunde seines Erkennens.

Von Gott geliebt zu leben heißt, Gott zuliebe leben. Das ist revolutionärer, als alles andere, was es je gegeben hat und geben wird.

Der Theologe Voigt sagt: Indem der Herr in seinem Wort und seinen Sakramenten zu uns kommt, ist zwischen ihm und uns weniger als eine Wand aus Seidenpapier.

Aus dieser Nähe heraus hilft uns der Heilige Geist, Neues zu wagen hinein in die Schatten der alten Zeit.

Wir sind  neu gemacht! Amen.

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