2. Chronik 5, 2-5 und 12-14
2 Salomo rief alle Ältesten von Israel und alle Stammes- und Sippenoberhäupter nach Jerusalem. Sie sollten dabei sein, wenn die Bundeslade des Herrn aus der „Stadt Davids“, dem Stadtteil Jerusalems auf dem Berg Zion, zum Tempel gebracht wurde.
3 Und so kamen im Monat Etanim, dem 7. Monat des Jahres, alle führenden Männer aus Israel in Jerusalem zusammen. In diesem Monat wurde auch das Laubhüttenfest gefeiert.
4 Als alle versammelt waren, hoben die Leviten die Bundeslade hoch
5 und trugen sie hinauf zum Tempel. Zusammen mit den Priestern brachten sie auch das heilige Zelt hinauf mit all seinen dem Herrn geweihten Gegenständen.
12 Auch die Sänger der Leviten waren gekommen: die Leiter Asaf, Heman und Jedutun mit ihren Söhnen und Verwandten. Sie trugen Gewänder aus feinem weißen Leinen und standen mit Zimbeln, Harfen und Lauten an der Ostseite des Altars. Bei ihnen hatten sich 120 Priester aufgestellt, die auf Trompeten spielten.
13 Zusammen stimmten die Sänger und Musiker ein Loblied für den Herrn an. Begleitet von Trompeten, Zimbeln und anderen Instrumenten sangen sie das Lied:
„Der Herr ist gütig, seine Gnade hört niemals auf!“ Während sie sangen, kamen die Priester wieder aus dem Tempel heraus. Da erfüllte die Wolke der Herrlichkeit des Herrn das ganze Haus,
14 so dass die Priester ihren Dienst im Tempel nicht mehr verrichten konnten.
Erfüllt
Es gibt Orte, die so schön sind.
Es gibt Landschaften, die uns schlicht den Atem rauben.
Es gibt Plätze, an denen unsere Sehnsucht ihr Ziel findet.
Sansibar, Lofoten, Rio
Halong, Deckelesfelsen.
Die Halbinsel Kamtschatka in Rußland steht auch auf der Liste der fünfzig schönsten Orte der Welt, weil da mehr Braunbären als Menschen leben. Ich verstehe schon, daß so ein Braunbär einem den Atem rauben kann, aber seit dem russischen Angriffskrieg ist dieses unberührte Naturparadies für Reisende unerreichbar.
Der Tempel des Herrn steht nicht auf der Top-ten-Liste der schönsten Orte der Welt, hat aber durchaus noch mehr Qualität.
1.Von der Wolke geflasht
2.Wird der besondere Ort
zum
3.Traumort der Begegnung
1. Von der Wolke geflasht
Da wurde das Haus des Herrn erfüllt mit einer Wolke als das Haus des Herrn, so daß die Priester nicht hinzutreten konnten wegen der Wolke, denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.
Tempeleinweihung im Alten Israel – schon klar, daß man’s da ordentlich hat krachen lassen nach der langen Bauzeit – macht man ja heute auch so.
Grund zum Feiern, wenn man einziehen kann ins’s neue Haus.
Es ist nicht die atemberaubende Party, nicht die atemberaubende Musik, es ist die Wolke, in der Gott sich zeigt, die als Beglaubigung und als Ziel für das Bauwerk dient.
Die Herrlichkeit des Herrn, heller als tausend Sonnen, so strahlend, daß kein Mensch sie ertragen kann.
Gott, der sich zeigt, aber nicht sichtbar sein will, verhüllt in Wolken.
Wolke, die vorausgegangen war in vierzig Jahren Wüstenwanderung, weit in der Vergangenheit Orientierung und Leitstern war.
„Einbruchstelle Gottes in diese Welt“ nennt es der Theologe.
Gott bricht ein in unsere Zeit, in wolkenumhüllter Gestalt, nicht klar erkennbar, trotzdem atemberaubend da.
Ein geheimnisvolles Ereignis ist es und bleibt es und wird es immer sein.
Gott offenbart sich und verhüllt sich zugleich – was wir nicht verstehen, nur erleben können.
Es ist kein rationales Ereignis, was aber lange nicht heißen muß, daß es deshalb nicht existiert.
Gott zeigt sich denen, die sich auf das Geheimnis einlassen und nicht denen, die glauben, ihn begreifen zu müssen.
Wer Gott sehen will, muß erst begreifen, daß man ihn nicht sehen kann.
Er will in dieser Wolke wohnen, so daß er das Geheimnis bleibt, das er selber ist – wolkenverhüllt, nicht Wolkenkuckucksheim.
Gott will im Dunkel wohnen, in dem, was wir als Wolke wahrnehmen. Er will der ewig Unsichtbare sein und bleiben.
Es ist sein Plan, sich nicht sehen zu lassen, nur zu spüren, all denen, die darauf verzichten, alles erklären können zu müssen.
Der Wolkenmann zieht ein in dieses neu erbaute Haus, den Tempel.
„Die Wolke ist das Schutzelement für den Dialogparnter Gottes“ sagt der Theologe Bräune.
Die Herrlichkeit des Herrn hat etwas von einer unerträglichen Strahlungskraft auf den Menschen.
Es ist der Moment des Stillstehens, des Ausgerichtetseins auf dieses gewaltige Gegenüber.
Gott will sich nicht erklärbar machen. Er will das Rätsel sein, das nur er selbst enträtseln kann.
Er will in der Wolke sein, die unser Verstand nicht zu durchdringen vermag.
Durch die Wolke
2. Wird der besondere Ort
Traumorte Gottes – sind Kirchen das?
Ist der Tempel oder sind monumentale Kathedralen wirklich nötig?
Wenn in den ärmsten Ländern der Welt Kirche neben Kirche steht, ertappt man sich schon bei der Frage „wozu?“
Da steht die Geschichte von Blut und Tränen, von Gewalt und Sklaverei zum Bau so manchen steinalten Gotteshauses, und die Frage muß erlaubt sein, ob sowas wirklich Gottes Ort ist.
Die Herrlichkeit des Herrn überstrahlt auch in den Dolomiten durch die Schönheit der Natur, ganz ohne Kathedrale – oder nicht?
Der Tempel – soll ich nicht lieber in die Falkensteiner Höhle gehen, die es als besonderen Kraftort in der Nähe von Dettingen/Erms gibt?
Braucht Gott die Kirchen, die wir so mühsam Stein auf Stein errichten?
Ich glaube nicht, daß er sie braucht, sondern daß wir sie brauchen – nicht, weil Gott auf sie angewiesen ist, sondern weil sie uns Raum geben, uns auf Gott zu konzentrieren, weil sie uns Raum geben zur Begegnung und zum Feiern, auch und gerade dadurch, daß sie alles draußen halten, was zerstreuen will.
Das Haus des Herrn ist unser, mein Schutzraum, der mir hilft, mit mir selber als allererstes fertig zu werden, ein Raum, der für mich und für Gott da ist, um über so einen komplexen Apparat nachzudenken wie mich.
Das Haus Gottes ist das Schutzhaus, in dem ich sein kann, wie ich wirklich bin.
Das Haus des Herrn gibt mir Zuflucht, wenn ich vor mir selber auf der Flucht bin.
Der heilige Raum ist der Raum, der für uns gemacht ist, der darin besonders ist, daß der
3. Ort der Begegnung
ist.
Noch ist es im Tempel leer – keine Götterstatue steht, wie in anderen Tempeln der Zeit.
Da ist auch keine Christusfigur und noch keine Bundeslade, die erst noch gebracht werden muß.
Noch ist es im Tempel leer. Die Tafeln mit den zehn Geboten ziehen erst noch ein.
Würden aber nur die Gebote in dem Tempel wohnen, wäre er nichts anderes als eine kultige Bibliothek, voll moralischer Zielvorstellungen.
Die Herrlichkeit des Herrn zieht ein. Die Wolke zieht ein, zusätzlich zu den in Stein gehauenen Worten aus längst vergangener Zeit.
Und da ist noch mehr.
Da bin auch ich und kann ich sein, um wirklich frei zu sein von allem, aber auch wirklich allem, was nach mir greifen will.
Die Kirche ist mein Ort, mein Schutzraum vor mir selbst, weil er für eine ganz andere Macht reserviert ist: die Schutzmacht über alles, was lebt.
Sie muß auch der Raum sein und bleiben, die keinem staatlichen Zugriff unterliegt, der Steuern will, für was genau zu singen und zu beten ist.
Wenn man sich wachen Auges in der Welt umschaut, muß man feststellen, daß es den Ländern nicht unbedingt besser geht, in denen Gotteshäuser geschlossen, verbrannt oder verboten werden.
Wir wissen ja auch bei uns im Lande nicht, wer die nächste Wahl gewinnt und ob sie dann noch gerne gesehen sind, die Gotteshäuser, in denen Menschen erlaubt ist, frei genug zu sein, sich zum Singen und Beten zu treffen.
Solange es ist, wie es ist, bietet der heutige Sonntag Cantate die passende Gelegenheit, in die Posaune der Dankbarkeit zu stoßen.
In Gottes Raum lebt kirchliches Selbstbestimmungsrecht. Hier in der Kirche dürfen wir also noch „Großer Gott, wir loben dich“ singen. Wir sind frei. Wir müssen also nicht mitsingen, wenn alle anderen „Großer Trump, wir loben dich“ oder ähnliches pfeifen müssen.
Genießen wir den Ort, den Ort der Begegnung mit Gott, der zugleich Ort unserer Freiheit ist.
Natürlich kann man Gott überall begegnen, man kann ja auch überall auf der Welt zuhause sein.
Für mich ist jede Kirche die klare Nummer 1.
Ich gehe immer und gerne auch fort, aber ich genieße es, dort zuhause zu sein, wo meine Sehnsucht Erfüllung findet.
Es kann sogar eine ganz kleine, uralte, verstaubte Dorfkirche sein mit einer brettharten Bank.
Die ist dann meine klare Nummer 1 – der Ort, an dem ich so nah an der Wolke sein kann, daß mir die Knie weich werden. Amen.