Predigt vom 25.01.25
Lukas 18, 35-43
Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, wer das wäre.
Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber – und er rief: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“
Die aber vorne an gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen.
Er aber schrie noch viel mehr: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“
Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen.
Als er aber näher kam, fragte er ihn: „Was willst du, daß ich für dich tun soll?“
Er sprach: „Herr, daß ich sehen kann!“
Und Jesus sprach zu ihm: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“
Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles, Volk, das es sah, lobte Gott.
Raus aus dem Schwarz
Das schönste am Fotografieren ist: der kleine Unterschied zwischen grün und grün: hellgrün, dunkelgrün, olivgrün, graugrün, moosgrün, schwarzgrün …
Wir können ihn sehen, den kleinen Unterschied, der so groß sein kann wie Licht und Schatten.
Wir wissen nicht, wie schlimm das ist, wenn man davon ausgeschlossen ist.
Was für ein Schwarz muß es sein, das einer sieht, der nur noch schwarz sehen kann.
Bartimäus sieht nix, nix von dem, was alle sehen können. Was für ein Leben das ist, wissen wir nicht.
Wir wissen nur, daß er da rauswill. Er will das Selbstverständlichste von der Welt: Er will sehen können.
- Die Schreihals-Liturgie
erregt
2. Christus-Aufmerksamkeit
er
3. Befreit
1. Die Schreihals-Liturgie
„Die vorne an gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“
Jesus und die Jünger sind unterwegs auf der Höhe von Jericho. Es ist nicht irgendeine ganz normale Wanderung.
Die einen sagen, es sei ein Schweigemarsch gewesen, ein kontemplatives Wandern, zu inneren Einkehr bestimmt.
Die anderen reden von einer Art „Wandergottesdienst“, wo während des Wanderns unterrichtet wurde.
Fest steht, daß Unterbrechungen hier nicht vorgesehen sind.
Der Blinde platzt also voll in eine geordnete geistliche Veranstaltung und schert sich einen Dreck um das, was der äußere Rahmen ist.
Er ist ein Störenfried inmitten der nach geistlicher Erbauung suchenden Wandergruppe.
Was würden wir denn sagen, wenn hier, heute morgen, mitten im Gottesdienst, plötzlich einer zu schreien anfängt und seine ganz privaten Gesundheitsprobleme zum Mittelpunkt macht – geht irgendwie gar nicht – oder?
Er hätte sich vorneweg anmelden sollen, daß alle für ihn beten können, in aller Ruhe, versteht sich – oder nicht?
Krankheit wurde damals als Strafe Gottes gesehen, der Kranke selbst demzufolge nicht nur an der Krankheit leidend, sondern auch an den stummen, vorwurfsvollen Blicken der anderen: „Wie schlimm muß der wohl gesündigt haben, daß Gott ihn so blind hat werden lassen!“
Kein Witz. Was Krankheit ist, ist schon immer eine große Frage. Wenn Gott mein Vater ist, könnte er ja auch die Schmerzen im Vorfeld beseitigen, sie gar nicht erst aufkommen lassen.
Schon klar, daß Gott das Heil will und daß jede Krankheit eine leichtere Form des Todes ist.
„Lieber reich und gesund als arm und krank“ – oder nicht?
Klar ist, daß jede Krankheit eine Krise ist, nicht der Normalzustand, nicht der Zustand, der uns gefällt.
Gott hat dem Menschen das Augenlicht geschenkt, um zu sehen, wie schön die Erde ist. Hätte er alles in Schwarz gewollt, hätte er Schwarz erschaffen, die Sonne niemals aufgehen lassen.
Ich verstehe den blinden Mann, daß er schreit, weil Nichts- Sehen einfach schrecklich ist.
Er schreit, weil er die Not und das Elend sieht und weiß, daß er selbst es nicht ändern kann.
Er wartet nicht auf Hilfe, er schreit um Hilfe.
Er findet sich nicht damit ab, daß man ja doch nichts ändern kann und bisher alles umsonst war.
Er glaubt noch daran, daß man es ändern kann, das schlimme Schicksal, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist, einem einsamen Mann in Schwarz, der nichts sehen kann, damit aber nicht zufrieden ist.
Es ist der Schrei seines Lebens, der
2. Christus-Aufmerksamkeit
erregt
Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: „Was willst du, daß ich für dich tun soll?“
Anders als die Jünger reagiert Christus. Er sagt nicht: „Wir befinden uns gerade auf einem heiligen Weg und haben keine Diakoniesprechstunde.“
sondern: „Was willst du?“
Was für eine Frage! – so schlicht und einfach wie in der Metzgerei: „Was darf’s denn heute sein?“
Christus hält inne, um den Lauf der Geschicke zugunsten eines Störenfrieds zu ändern.
Gott öffnet das Ohr, um auf vielfachen Wunsch eines Einzelnen am Rad der Geschichte zu drehen.
Das ist ganz ohne Frage die größte Unverschämtheit des Glaubens, daß der Lenker der Geschicke bereit ist, auf so ganz kleine Leute zu hören, sich ins Lenkrad greifen zu lassen – so verrückt, wie es klingt.
Das ändert alles – den Augenblick und die Welt.
Gottes Achtsamkeit gilt uns. Der Riese hat ein Herz für den Zwerg.
Der Glaube öffnet das Ohr Gottes.
Gott sieht den Menschen eben nicht als ferngesteuerte Marionette, sondern als Beifahrer und Lenkhilfe auf den Straßen der Welt.
Nicht das gleichmütige Ertragen, sondern das Mitgestalten, das Mitformen und Mitentwerfen ist die Idee.
„Was willst Du?“
Das ist ein zeitloses Angebot Gottes an alle Glaubenden.
Gott hört sich alles an.
Christus öffnet sich für den Mann in der Finsternis, weil der mehr sieht als manch ein Sehender.
Er öffnet sich für den Blinden, weil der etwas sieht, was manch einer übersieht, selbst heue nicht sehen kann.
Der blinde Mann sieht mehr, als die anderen, er sieht, daß Gott mehr kann als alle anderen.
Er sieht, daß da einer ist, der mehr kann, als sämtliche Medizinmänner und -frauen aller Zeiten.
Er sieht eine Chance, die größer ist als alle Anstrengungen, die er selber unternehmen kann.
Er sieht, daß es medizinische Lösungen gibt, die über den schulmedizinischen Erfolg hinausreichen.
Er sieht eine Möglichkeit, die größer ist als halbesotherische Schwingungstherapien oder fragwürdige Frequenzstimulationen. Er denkt sich nicht positiv, er glaubt, er glaubt an Heilung auf göttliche Art.
Er sieht in Christus Gottes Kraft zu helfen. Wie das ist oder sein wird, kann er nicht wissen.
Er vertraut sich ohne Vorgaben Gott an.
Er legt nicht fest oder probiert aus, er glaubt.
Der Glaube macht ihn auch nicht gesund. Der Glaube ist nur die Grundlage, auf der Gott wirken kann.
Würde der Glaube uns heilen, wäre der Glaube nichts anderes als eine Selbsttäuschung.
Es ist nicht direkt ein Übersetzungsfehler in der Elberfelder Bibel, schon aber im Verständnis.
Nicht der Glaube heilt, sondern Christus.
Das wirkt sich in der Praxis der Heilungsgottesdienste aus, sonst würden alle, die nicht geheilt werden, nicht richtig glauben, alle unerhörten Gebete lägen dann an mangelndem Glauben – und das wäre dann ziemlich religiöser Bockmist, schätze ich.
Wunder geschehen auch ohne meinen Glauben, sind immer schon unabhängig davon gewesen, ob ich es nachvollziehen kann oder nicht.
Es ist Gottes Kraft allein, die
3. Befreit
Und Jesus sprach zu ihm: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“
„Sei sehend.“ So einfach kann moderne Medizin sein.
Christus begibt sich damit aber nicht in Konkurrenz zu Spezialkliniken oder Operationsbesteck.
Gerade da, wo die Kunst des Arztes endet, fängt seine erst an, die aber niemals zu einer neuen Art von sanfter Medizin werden will.
Überall, wo man das versucht, führt es zu entsprechend peinlichen Entgleisungen.
Ich persönlich bin tief dankbar, daß es in Kirchheim mein Contactlinsen-Studio gibt, zu dem ich gehen kann, wenn die Sehkraft nachläßt – oder der Augenarzt. Da kümmert man sich, ja gibt sich richtig Mühe, mir zu helfen. Schon eine ganz kleine, computergefertigte Linse wirkt Wunder auf ganz normale Art.
Es nützt weder dem Glaubenden noch Gott oder der Kirche, wenn wir die Mühe des Arztes belächeln oder herabwürdigen.
Ich finde es in jeder Weise sogar unanständig, wenn mit religiöser Überheblichkeit die Leistung eines Arztes niedergemacht wird – gerade dann, wenn er eben nicht helfen kann.
Kein einziges Heilungswunder der Bibel hat das Ziel, den Ärzten die Kundschaft zu rauben oder Ärzte abzuqualifizieren.
Es ist einfach nur peinlich, wenn der große Charismatiker heimlich zum Zahnarzt gehen muß.
Christus befreit – nicht das eigene Wunschdenken oder das gemeinsame Ritual.
Christus befreit. Er öffnet den weiten Horizont Gottes, tut ungeahnte neue Türen auf, läßt Licht ins verdunkelte Dasein fließen.
Es geht bei Weitem nicht nur um das verlorene Augenlicht.
Christus öffnet den unendlichen Spielraum Gottes für jeden, der das glaubt.
Das ist kein Spielzeug für religiöse Events, sondern der Schraubenschlüssel Gottes, um mit am Rad der Geschichte zu drehen – nicht nur so, zum Ausprobieren oder zum Spaß, sondern genau dann, wenn die Welt schwarz geworden ist, unerträglich finster, einfach nur schattig und kalt, wenn gar keine andere Chance bleibt.
Wenn keiner uns mehr helfen kann, gilt es den Schrei nach mehr auszustoßen.
Das „Erbarme dich unser“ kann nur dann Gottes Ohr finden, wenn es von der Ernsthaftigkeit unseres Lebens getragen ist wie von der Bereitschaft, Gottes Entscheidung zu akzeptieren.
Unser Glaube soll alles erwarten, aber nichts zwingen.
Christus macht unsere Nacht zur Chefsache, zur Angelegenheit, um die er sich kümmert.
Es ist immer jemand da, der hilft, am Rad zu drehen,
egal, was unseren Horizont verdunkelt,
egal, was uns den Schlaf raubt,
egal, was nervös macht,
egal, was Magenkrämpfe verursacht
egal, was streßt
egal, was müde macht
egal, was auszehrt und Angst macht
Schrei es einfach raus in die Nacht. In Christus ist die heile Welt angebrochen in unserem heillosen Durcheinander. Das löst das Durcheinander nicht auf, öffnet aber das Blickfeld, bringt Licht in die Nacht.
„Kyrie eleison – Herr, erbarme dich“ so muß er heißen, unser aller Schrei, der Schrei nach dem, was nur einer geben kann. Amen.