Was wir wollen sollen

Predigt vom 30.11.25

Römer 13, 8-12

8 Bleibt keinem etwas schuldig! Eine Verpflichtung allerdings könnt ihr nie ein für alle Mal erfüllen: eure Liebe untereinander. Nur wer seine Mitmenschen liebt, der hat Gottes Gesetz erfüllt.

9 Die Gebote: „Du sollst nicht die Ehe brechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; begehre nicht, was anderen gehört“ und alle anderen Gebote lassen sich in einem Satz zusammenfassen: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“

10 Denn wer seinen Mitmenschen liebt, tut ihm nichts Böses. So wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.

11 Liebt also eure Mitmenschen, denn ihr wisst doch, dass es Zeit ist, aus aller Gleichgültigkeit aufzuwachen. Unserer endgültigen Erlösung sind wir jetzt näher als zu Beginn unseres Glaubens.

12 Bald ist die Nacht vorüber, und der Tag bricht an. Deshalb wollen wir uns von den finsteren Taten der Nacht trennen und uns stattdessen mit den Waffen des Lichts rüsten.

Was wir wollen sollen

Schwierig sind nur die Leute, die nicht wissen, was sie wollen – und das mit ganzer Kraft. Das dauert und dauert.

Gott macht es uns einfach. Er verlangt uns einfach das total Unmögliche ab. Ob das dann wirklich einfach ist, weiß keiner so genau.

Die Philosophen sagen, Liebe wäre der tiefste Ausdruck von Wahrheit. Wenn das so ist, sind wir dazu bestimmt, den tiefsten Ausdruck von Wahrheit zu leben.

Gott will uns haben mit ganzer Kraft.

Liebe ist das, was wir wollen sollen.

  1. Sie ist uns anvertraut
  2. Mehr als ein Gefühl
  3. Stärker als alles

1. Sie ist uns anvertraut

Wir leben hier im wilden Süden, und ich bin eher der Typ, der dem anderen die Kerze ausbläst, wenn er mich dumm anlabert, schlimmer noch, anderer Meinung ist. Frieden ist nicht in mir. Ich bin ein Kriegertyp – oder Kriegerin.

Das Leben selbst hat uns so hart gemacht und uns die Erfahrung beschert, daß nur der überlebt, der auch kämpfen kann.

Ich bin kein friedfertiger Typ. Ich brauch einen, der mir Frieden gibt, damit ich selber wieder schlafen kann und anderen Frieden schenken kann.

Wer keinen Frieden hat, kann keinen Frieden geben. Das ist simple Mathematik – und das Unmögliche daran ist:

Obwohl wir Frieden haben, tun wir uns schwer, Frieden zu geben.

Obwohl wir Christus haben, fällt es schwer, Liebe zu schenken.

Liebe ist nicht in mir. Ich tu mir schwer damit, aus mir heraus auf den anderen zuzugehen, der mir so schräg auf die Nerven geht.

Gott vertraut sie mir an, diese blöde Kuh, die mir so voll auf die Ketten geht, damit ich an ihr zeigen kann, was wirklich geht. So einfach ist das und so kompliziert.

In Christus vertraut Gott der Welt etwas Unmögliches an: göttliche Zuneigung, stur wie tausend Rinder. Er legt sie in die Hände von wankelmütigen, zerbrechlichen, genervten Wesen, die gar nicht wissen, wie sie mit sowas umgehen sollen, zu beschäftigt mit dem Kampf ums Dasein selbst.

Gott gibt sie uns – nicht, damit wir sie unter’m Bett verstecken, sondern anwenden.

Das beste Ibuprofen nützt nix, wenn es in der Schachtel stecken bleibt. Es muß raus aus der Verpackung, rein in die Welt.

Gottes Zuneigung soll wirksam werden durch uns, weil er

2. Mehr als ein Gefühl

ist

„Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.“

Klare Ansage. Gott ist wach für uns, er macht uns wach für andere.

Es geht weder um lästige Pflicht, noch um Gefühle auf Knopfdruck.

Das bedeutet nicht, den anderen totzulächeln, es bedeutet nicht, auf der eigenen Schleimspur auszurutschen.

Eben weil man es nicht befehlen kann, ist es so schwer, zu lieben – weil der andere so anders ist und weil es nicht damit getan ist, unsere Verschiedenartigkeiten unter den Teppich zu kehren.

Ich muß den anderen wagen, so, wie Gott mich wagt – eben weil es so viel mehr ist, als ich selber bin und kann.

Es ist nicht damit getan, falsche Kompromisse einzugehen. Die zerplatzen an sich selbst.

Es ist nicht damit getan, alles durchzuwinken oder gewähren zu lassen. Das löst das Problem nicht.

Das, was Gott gibt, ist mehr als ich.

Er gibt mir Geduld, wo ich schon lange aufgegeben habe.

Er löscht meine schlimmen Erfahrungen, damit ich überhaupt ein bißchen vergessen kann, was für ein Mist das war und ist in all den Jahren.

Er hilft mir

zu dienen, statt zu kommandieren,

zu warten, statt einfach drauflos zu hauen.

zu bleiben, wo nichts mehr zu erwarten ist.

den anderen zu achten, ganz egal, wie chaotisch er ist.

Liebe kostet. Sie kostet den letzten Nerv.

Sie kostet den höchsten Preis überhaupt.

Aber sie beschenkt mich auch, der ich ohne sie um so viel ärmer wäre, als eine lieblose, ganz arme Sau.

Sie bindet mich und macht mich frei, weil sie

3. Stärker als alles

ist.

Gott fordert uns heraus. Wir sind in eine Dunkelheit hineingeboren, um Licht zu sein, Licht anzuzünden, heller  Schein.

Gott fordert mich heraus, die Dunkelheit der Enttäuschung zu durchbrechen und eine kleine Kerze der Sympathie anzuzünden für alle, die noch schlimmer sind als ich.

Gott zündet in mir ein Licht an, weil er weiß, daß ich noch viele tausend Lichter anzünde in dieser Stadt, in dieser grauen Novemberwelt, die so dunkel und neblig geworden ist, daß sie fast ungemütlich scheint.

Gott hat mich wach gemacht, ein Lichtanzünder zu werden und zu sein, heute und jetzt, und in diesem Haus und in dieser Stadt.

Gerade die dicken Kotzbrocken, die fiesen Tyrannen, anstrengenden Gesellen und Gesellinnen sind angesagt – nicht die Katze in der Gärtnerei, die kann jeder streicheln.

Die halsstarrigen Wiederholungstäter, angstmachenden, beratungsresistenten Ausgegrenzten sind angesagt.

Man muß es sich nicht künstlich schwer machen, aber es ist ganz klar eine große Herausforderung.

Es geht nicht um die lästige Pflicht, möglichst zu allen nett zu sein, sondern um ernsthafte Auseinandersetzung mit dem anderen.

Vor uns liegt der anbrechende Tag. Es lohnt sich nicht, die Zeit mit kleinkarierten Streitigkeiten und Rechthabereien zu vergeuden, wohl aber, ernsthaft mit dem anderen zu streiten.

Vor uns liegt Ewigkeit. Es lohnt sich, meine befristete Zeit dafür zu nutzen, die Kunst zu lieben zu lernen und bereit dafür zu sein, ein ewiger Student zu bleiben.

Der Theologe Voigt sagt: „Hier ist alles, was man lernen kann, immer noch zu wenig. Rechtspflichten können abgegolten werden, aber die Liebespflicht ist unendlich, also niemals abzutragen. Hier hört alles Rechnen auf, aber auch alle Beruhigung, jetzt sei es geschafft. Wer liebt, ist in ständiger Bewegung im Dasein für andere.“

Ich habe so einen Schrittzähler auf meinem Handy, der meldet mir morgens, wenn der Stand aufgebaut ist: „Sie haben Ihre zehntausend Schritte erreicht.“

Vor Gott geht es aber nicht um so eine Pflicht, etwas abzuarbeiten, sondern um die Freiheit, loszulaufen. Wie lange und wie weit, interessiert dabei überhaupt nicht.

Es geht um Aufbruchstimmung, nicht um die lästige Pflicht, loszulaufen.

Vor Gott stehen wir nicht in einem notwendigen Übel oder inneren Zwang, sondern in der Freiheit, zu schenken.

Unser Gebet, unsere Versöhnung und unsere Nähe zu Gott ergeben und entwickeln sich dabei ganz von allein.

Es fängt bei uns selber an, wie weit wir diese Kraft in uns und an uns heranlassen.

Heute ist der 1. Advent. Wir zünden ein Licht an. Das ist zugegebenermaßen noch relativ wenig Licht.

Wir zünden es an, weil wir erwarten, daß es mehr wird. „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier“ – Wenn es der merkwürdige Nachbar auch macht, sind es schon doppelt so viele Kerzen, und wenn es alle machen, wird es ein Lichtermeer.

Gott erwartet noch mehr. Eigentlich ist ja auch immer Advent.

Zünden wir also ruhig noch mehr Lichter an – auch nach Weihnachten, dann, wenn es keiner mehr von uns erwartet, einfach deshalb, weil wir mehr erwarten.

Das ist das, was wir wollen sollen, das, was uns geschenkt ist, was unmöglich scheint, aber möglich ist.

Die Frage ist dann nicht mehr, welches Gebot ich befolgen muß, sondern wem ich heute meine Aufmerksamkeit schenken darf. Amen.

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