Hebräer 13, 12-14
Im Aufbruch
Aufbruch – immer wieder haben sich Forscher, Abenteurer, Weltenbummler auf den Weg gemacht. Sie wollten das andere, das Neue entdecken, erleben.
Christoph Kolumbus: Auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien entdeckt er Amerika.
Aufbruch: Ausgestattet mit der entsprechenden Ausrüstung, die Vorkehrungen getroffen, verlässt man die sichere Heimat und macht sich auf ins Ungewisse.
Aufbruch ins All, zum Mond oder anderen Himmelsplaneten.
Jesus ist auch aufgebrochen – vom Vater hinein in die Welt, als kleines Kind in einer Krippe, ohne Schutz, wehrlos, arm und gering.
Wir stehen kurz vor Karfreitag, vor Ostern. Auch wir sind im Aufbruch, im Aufbruch, um Jesu Ausgeliefertsein in entsprechender Weise zu verstehen.
Anhand von drei Punkten wollen wir die uns vom Text vorgegebenen Schritte betrachten.
- Draußen
- Mit ihm
- Darüber hinaus
1. Draußen
So starb auch Jesus außerhalb der Stadt, als er sein Blut für die Sünden der Menschen opferte.
Jesus draußen – sein ganzes Leben hat er draußen gelebt. Er hat die drinnen beschimpft, er hat sie als Heuchler, als Schlangen- und Otterzucht dargestellt.
Jesus draußen – bei denen, die von denen drinnen verstoßen waren, bei den Sündern und Zöllnern, bei den Ehebrechern, den Samaritern, denen, die nichts galten.
Jesus draußen – er lädt die zum großen Festmahl, die an den Hecken und Zäunen sind.
Er predigt ihnen nicht in den Synagogen und Kirchen, sondern draußen.
Er vollbringt seine Wunder, er stillt den tobenden See, er ruft seine Jünger draußen von der Arbeit weg.
Jesus draußen – er sagt selbst von sich, dass er nichts hat, wo er sein Haupt hinlegen kann. Er ist schutzlos, er wird ausgeliefert, verraten.
Jesus draußen – bei den Schwerverbrechern vor den Toren der Stadt, auf dem Hügel, auf Golgatha.
Er ist für die Welt untragbar, er hat in ihr nichts zu suchen, für ihn ist kein Platz. Und dennoch opferte er sich, sein Blut, vergossen für die Sünde der Welt.
Nicht die, die es verdient hätten, werden abgeschlachtet, sondern er wird auf dem Altar Golgatha dargebracht wie ein Opfertier: Jesus, das geduldige Lamm.
Jesus draußen – an unserer statt. Jesus, der Hohe Priester, der eintritt für die Seinen. Er bittet beim Vater für uns.
Jesus draußen – „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ sagt er zum Vater. Jesus schafft die Brücke über unseren Abgrund. Er hilft, dass wir zum Vater zurückkehren können.
Es spielt keine Rolle, ob wir aus der Nähe oder aus der Ferne kommen, ob unsere Verfehlungen groß oder klein sind. Er hat alles auf sich geladen, er hat uns mit Gott versöhnt, er hat sich draußen geopfert.
Daraus folgt der zweite Punkt:
2. Mit ihm
Lasst uns zu ihm hinausgehen und die Verachtung mittragen, die ihn getroffen hat.
Jesus hat draußen mit seinem Opfertod die Grenze zwischen uns und Gott durchlässig gemacht.
Der Apostel fordert hier die Hebräer und somit uns auf, zu ihm zu gehen und die Verachtung mit zu tragen.
Hinausgehen – heraus aus aller Oberflächlichkeit, aus Gepflogenheiten und Gefangenschaften. „Man tut“ – ist nicht bestimmend, sondern „Herr, was willst du, das ich tue“.
Hinausgehen – wie ein Abraham im Vertrauen, ohne das Ziel zu kennen oder zu sehen.
Hinausgehen – wie das Volk Israel, das die Fleischtöpfe von Ägypten verlässt auf das Geheiß Gottes hin.
Im Aufbruch mit ihm – oder die Verachtung mittragen – bedeutet nichts anderes, als Nachteile in Kauf nehmen, verspottet, im Extremfall sogar verfolgt werden.
Mit ihm – Viel gerner haben wir doch die Ruhe. Nicht aufzufallen ist nach den Spielregeln der Welt am gefahrlosesten.
Unser Wort heute will uns aber wachrütteln: Wo stehen wir?
Hier kann sich jeder selbst einmessen:
Wo stehe ich, wie stehe ich zu den Aufträgen, die Gott mir zumisst?
Lasse ich mich noch unterbrechen oder geht alles seinen gehabten Trott?
Mit Jesus – das bedeutet Bereitschaft zum Weg der Anfechtung und des Leids.
Er geht diesen Weg mit uns. Ihm können wir trauen.
„Mit ihm“ bedeutet: im Aufbruch sein und bleiben:
3. Darüber hinaus
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Die himmlische Stadt wird hier angesprochen: Jerusalem.
„Dort wird er abwischen alle Tränen, der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“
Nicht als Vertröstung ist das gesagt, sondern als Verheißung. Eine Verheißung, die in unserem irdischen Leben niemals voll eingelöst wird, die aber in unsere Zeit hineinleuchtet. Von einem Leben ist die Rede, das unser begrenztes, sterbliches Leben übersteigt, es aber doch jetzt schon verwandelt, das darüber hinaus reicht.
Diese Verbindung zwischen Zukunft und Gegenwart stellt unser ganzes Leben in ein neues Licht: in das Licht der Hoffnung.
Wir sind ständig unterwegs – aber wir haben das Zukünftige vor Augen. Er handelt hinein in unser armseliges Leben. Durch sein Wort, durch seinen guten Geist, durch sein Mahl kommt er uns nahe. Bei jeder Eucharistie bekommen wir Anteil an ihm und somit am Zukünftigen.
Jesus Christus, der Bürge für eine gute Zukunft – für ein darüber hinaus. Er richtet uns auf, und er hilft uns so zur Aufrichtigkeit. Menschen, die durch ihn aufgerichtet werden, gehen aufrichtig mit der Vergangenheit um. Was an ihr schmerzlich war und bleibt, wird nicht verdrängt, es behält aber nicht das letzte Wort. Denn Menschen, die Jesus aufrichtet, können sich der Zukunft zuwenden.
Und wie viel ist in den Beziehungen kaputt!
Wie viel Streit, Hass, Missgunst, wie viel Falschheit und Oberflächlichkeit.
Wie viel Stolz und Egoismus, wie viel Trennungen und Verfestigungen, wie viel Unbelehrbarkeit.
Jesus Christus, der große Hohepriester, macht die Grenzen des Lebens durchlässig. Er schafft einen weiten Raum. Er bewirkt Möglichkeiten des Neuanfangs, der Begegnung, der Offenheit und Sachlichkeit.
Von ihm, mit ihm, bei ihm und durch ihn bekommen wir neue Kraft, auch miteinander neu anzufangen.
Jesus überwindet die Grenze zwischen Gott und Mensch. Dadurch gibt er uns die Chance des Aushaltens und Durchhaltens. Zerbrochenes kann wieder heil werden, Beziehungen neu keimen und Zerrissenes langsam wieder zusammenwachsen.
Dort, wo Menschen sich mitnehmen lassen, gibt es ein darüber hinaus, eine Grenzüberschreitung.
So ist unser Leben eine ständige Grenzüberschreitung in den kleinen und tagtäglichen Dingen. Die letzte und größte ist die, um die wir alle nicht herumkommen.
Unser Leben: ein Weg vom Vorletzten ins Letzte auf dem Weg darüber hinaus, der in die große Zukunft Gottes führt. Dann kommt unsere Suche ans Ziel, weil wir in der Gegenwart Gottes die bleibende Stadt gefunden haben.
Im Aufbruch: Unser Text will uns in der Passionszeit zum Aufbruch bewegen.
Aufbruch vielleicht vom Alten, Eingefahrenen, nur Traditionellen hinein in das willige Ja zum Vater.
Aufbruch vom Zerstörten zum Wagnis des Neuanfangs.
Aufbruch in Tagen des älter-Werdens, der schwindenden Kräfte.
Aufbruch in Zeiten, wo es scheinbar keine Zukunftsperspektive gibt.
Aufbruch in Krankheit und Schmerzen, in Leid und Kummer.
Aufbruch zu Jesus, „in dem wir bereits eine Anzahlung auf das Kommende haben“, wie es Gottfried Voigt sagt.
Jesus Christus hat uns in seinem Leiden und Sterben und vor allem in seiner Auferstehung den Weg bereitet. Er hat alles auf sich geladen, damit wir die Vollendung dereinst schauen können.
Gott schenke uns zu allem Wollen das Vollbringen, er schenke uns die Hand, die uns hinübergeleitet in seine ewige Welt.
Weil: „Wir sind dazu geschaffen in ein Haus einzugehen, wo ein guter Vater ist.“ AMEN