Dankbar sein

Römer 5, 1-5

Nachdem wir durch den Glauben von unserer Schuld freigesprochen sind, steht nun nichts mehr zwischen uns und Gott. Wir haben Frieden mit ihm. Wem verdanken wir das? Allein Jesus Christus.  

Er hat uns die Tür zu diesem neuen Leben mit Gott geöffnet. Voller Freude danken wir Gott dafür, daß wir einmal an seiner Herrlichkeit teilhaben werden.  

Doch nicht nur dafür sind wir dankbar. Wir danken Gott auch für die Leiden, die wir wegen unseres Glaubens auf uns nehmen müssen. Denn in solchen Leiden lernen wir, geduldig zu werden.  

Geduld aber vertieft und festigt unseren Glauben, und das wiederum gibt uns Hoffnung.  

Und diese Hoffnung wird uns nicht enttäuschen. Denn durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt wurde, ist Gottes Liebe in uns. 

Dankbar sein

„Hast Du auch „Danke“ gesagt?“ – Von klein auf kriegen wir es beigebracht, daß man „danke“ sagt, sagen muß. Na gut, man macht es dann halt schon, weil Mutti es sagt.

Das Sagen-müssen steht aber dem Danken-können manchmal lebenslänglich im Weg.

Paulus von Tarsus hat kein Problem damit.

Er empfindet echte Dankbarkeit. Für ihn ist Dankbarkeit das grundlegende Lebensgefühl, die Grundeinstellung des Christen.

Der beste Grund dafür ist

1. Die  Dauerkarte zu Gott

Wir sind

2. Gespannt auf das, was kommt

1. Die Dauerkarte zu Gott

Nachdem wir durch den Glauben von unserer Schuld freigesprochen sind, steht nun nichts mehr zwischen uns und Gott.

Ganz klar – im Kino darf der rein, der schön brav den Eintritt bezahlt hat und den Vorstellungen des Kinobesitzers entspricht.

In der christlichen Kirche ist uns das Bewußtsein für heilige Räume ein wenig abhanden gekommen. Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, daß Gott jederzeit ansprechbar, immer für uns da ist, völlig umsonst.

Das ist ja auch gut so, daß  Gott völlig unbürokratisch ist. Das heißt aber nicht, daß es ihn nichts gekostet hat, daß er wertlos wäre, der freie Eintritt zu Gott.

Zu Gott kann man eben nicht hineinstolpern wie ins Hallenbad. Da muß es schon etwas mehr sein.

Gott wohnt in einem heiligen Raum. Seine Welt ist mehr – eben heiliger Raum, erschreckend schön, erschreckend erhaben, erschreckend perfekt.

Es braucht die Erkenntnis der Propheten – Altes Testament, beispielsweise bei Jesaja.

Überall, wo Menschen Gott begegnen, ist zunächst der Schreck über dessen Größe und die eigene Winzigkeit.

„Ich bin verloren, denn ich bin ein Sünder und gehöre zu einem Volk von Sündern“ formuliert Jesaja bei seinem Berufungserlebnis, bei seinem Blick in Gottes heiligen Raum.

Um Gott verwirklicht sich die Fülle des Heils. Es sind da keine Tränen mehr, es ist keine Enttäuschung mehr, es ist keine Ablehnung und keine Unwahrheit mehr. Um ihn ist heiliger Raum, so, wie Gott ihn sich vorstellt. Christus nimmt uns mit hinein. Wir müssen nicht, wir dürfen rein, wir sind hineingestellte Dauerkartenbesitzer in Gottes  heilige Welt.

Gerechtigkeit, Wahrheit, Friede – Gott versteht unter „Frieden“ nicht: „Nebeneinander“ – sondern: „Miteinander“. Seine heilige Friedenswelt hat nichts von Lagerfeuerromantik und „We shall overcome“ – Gesängen. Sie ist kein Wunschtraum, sondern wahrhaftiger, als der Mensch sich träumen kann.

*Gottes Frieden beginnt dort, wo der Mensch erkannt hat, daß er im Unfrieden lebt.

*Gottes Friede beginnt, wo der Mensch bemerkt, daß er der Herrschaft des Zorns verfallen ist.

*Gottes Friede beginnt, wo wir bemerken, daß wir Schwarzfahrer sind, Geisterbahnfahrer auf der Straße des Lebens, auf den Abgrund zurasend, ungebremst.

Dort, wo wir das bemerken, beginnt Gottes Friede, der Friede, den die Welt nicht kennt – erschreckend und grundverschieden von dem Frieden, der sich mit der Weisheit der Gedanken oder der logischen Folgerung des Humanismus herbeiführen läßt.

Die Dauerkarte zu Gott wird von erschrockenen Menschen gekauft, von Kunden, die über ihre Friedensunfähigkeit schockiert sind, von Menschen, die darum kämpfen, friedensfähig zu werden und zu sein.

Wir können’s nicht kaufen, wir brauchen’s geschenkt – anders läuft das nicht.

*Zuviel Krokodil wohnt in uns, zuviel Aasgeier, zuviel Raubtier schlummert in mir.

Es bringt rein gar nichts, zueinander nett zu sein, wenn es uns nicht gelingt, zu lieben. Das ist die zentrale Botschaft der Bergpredigt, mit ihr stimmt Paulus überein.

Friedensfähig wird der Mensch in Gott allein. Alles andere ist Friedensgetue, Friedensgefasel, Friedensgehabe und schlimmstenfalls sogar religiöser Selbstbetrug.

Um Gott ist heiliger Raum, Christus ist die Dauerkarte hinein. Es beginnt tief in mir, daß ich mich durchdringen lasse vom Frieden. Es beginnt in mir, daß ich den Mut fasse, mein Leben so zu ordnen, wie Gott es versteht. Friede mit Gott braucht wesentlich mehr Mut.

Christen haben den Mut, Mut zum Sünder-sein, Mut zum Schwarzfahrer-sein, Mut, das zuzugeben und auszuräumen. Darauf darf man sogar stolz sein.

Wir haben Schluß gemacht mit dem Versteckspiel vor uns selbst. Wir haben den Mut dazu, friedensunfähig zu sein und dieses Problem Gott anzuvertrauen.

*Wir können’s zugeben, daß der andere auf den Keks geht, seine schräge Art irgendwie nervt, alles viel zu laut und der Typ überhaupt völlig unmöglich ist.

Gottes heilige Welt – die Dauerkarte führt nur Menschen  hinein, die sich beschenken lassen, wie mit einem kleinen Lächeln, ohne dabei nachzulassen, versteht sich.

Es ist doch nicht unser Werk, unsere Aufgabe, heile Welt zu erzeugen. Heilige Welt ist!° Wir müssen sie nur reinlassen.

Wir brauchen nicht einmal das Image, ein guter Christ zu sein. Viel besser ist das Image, ein echter Sünder – sprich: Schwarzfahrer zu sein. Das allein ermöglicht Gott den Zugriff auf mich.

Nur der, der sich als Schwarzfahrer versteht, kann christlicher Dauerkartenbesitzer sein.

Klingt voll kraß – ist voll kraß – genauso unlogisch, wie die Liebe Gottes zum Menschen. Aber genau die und nur die schafft den wirklichen Frieden. In ihr ist unser Recht auf Leben zuhause. Sie gibt den richtigen Schub in Richtung bessere Welt.

Wir sind Dauerkartenbesitzer – nicht, weil wir träumen, nicht weil wir fantasieren oder flüchten, sondern weil Gottes Vergebung in uns lebt, weil sie Bestandteil unseres Lebens ist.

Warten wir

2. Gespannt auf das, was kommt

Wir danken Gott für die Leiden, die wir wegen unseres Glaubens auf uns nehmen müssen, denn in solchen Leiden lernen wir, geduldig zu werden. Geduld aber vertieft und festigt unseren Glauben. Das wiederum gibt uns Hoffnung.

Wir haben eine Dauerkarte zu Gott. Unser Herz ist in Gott zur Ruhe gekommen. Das ist die Basis, die trägt, das läßt uns nicht schläfrig werden, sondern gespannt warten.

Wir leben im Vorfilm. Der eigentliche fängt nachher erst an – dann, wenn Menschen ohne Gott glauben, am Ende zu sein.

Es gibt eine Hoffnung, die den Tod überlebt.

„Nach Regen folgt Sonnenschein“ sagt der Volksmund. Manchmal scheint die Sonne aber nie wieder. Manchmal wird nie wieder was gut.

So kann sich die christliche Hoffnung leider nicht auf die Volksweisheit berufen. Mit gut abgehangenen Poesiealbumssprüchen ist nichts getan.

Was wir erwarten, ist etwas Neues, zugleich aber die Fortsetzung von dem, was geschieht. Christus in mir – meine Hoffnung lebt aufgrund der Erfahrung, nicht aufgrund eines Wunschs oder Traums.

Das schönste liegt vor uns – was nicht heißt, daß wir schönes nicht jetzt schon genießen können.

*Wenn ich ein Haus baue, baue ich es in dem Gedanken, schöner zu wohnen – nicht in der Angst vor einem ständig tropfenden Dach oder einer reparaturbedürftigen Heizung.

Wir warten gespannt – wir haben eine Dauerkarte für die Zukunft, wir warten gespannt, was sie uns bringt, wie sie in uns Gestalt gewinnt.

Wir verdrängen die Gegenwart nicht, aber wir leben sie mit dem Zukunftsaspekt „Jesus Christus“.

Die Zukunft gibt dem Tag heute erst Sinn – und allem, was gestern war. Auch die schwierigen Situationen sind da mit drin.

„Daß es dem Frommen gut gehen müsse, ist das Postulat einer naiven, werkerischen Frömmigkeit, an der mancher Psalmsänger zuschande geworden ist“ formuliert der Theologe Voigt – und: man könne nicht einmal sagen, daß Christen unerschütterlich seien.

Wir warten gespannt, voller Hoffnung, wir warten erschüttert, vielleicht auch verunsichert, auch weinend über das, was es abzuwarten gilt.

Wir können uns nicht einmal der Kraft des positiven Denkens bedienen, um schönzureden, was nicht schönzureden ist. Zuviel läuft manchmal schief.

Es gibt zu viele Grausamkeiten, die Menschen sich antun. Man kann sie nicht durch irgendeine Logik erklären.

Es ist ein Verbrechen am Schicksal anderer, wenn man beginnt, Trübsalstheorien zu entwerfen und bekanntzugeben.

Das kann’s wirklich nicht sein.

Unser Glaube ist immer im Widerspruch zur erfahrbaren Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist schmerzgeprägt, Frustüberlastet, lahmgelegt.

Christen verdrängen nicht, weichen nicht aus. Gethsemane ist die Geschichte von einem Kreuzweg.

*Der Tod ist immer dunkel und kalt. Ich laß mir nicht verbieten, zu schreien. Ich will aber auch versuchen, auszuhalten, weil auch in mir ein Stück Sterben ist.

Wenn auch ich ein Verursacher von Tränen bin, müssen sie wohl sein. Die Dauerkarte zu Gott nimmt die Tränen nicht.

„Jesus Christus will kein Zauberer sein, der zu unserem Vergnügen und zur Erfüllung all dessen, was unser törichtes Herz sich ausdenkt, Wünsche befriedigt und das zu kurz gegriffene Glück beschert“ sagt Gottfried Voigt.

Unser Hoffnung kann keine Unzufriedenheit mit der Gegenwart sein. Sie weist darüber hinaus und hilft, Gegenwart zu gestalten.

Paulus schreibt den Römerbrief als Christ. Seine Lebensgeschichte ist härtetestgeprägt. Jeder, der sich ernsthaft bemüht, weiß, wie viel zu tun übrigbleibt, wieviel wüste Lücken und Irrtümer auch dann noch bleiben, wenn vieles gelingt.

Paulus weiß, daß Christus trägt. Sein Ticket zu Gott war nie ein Fahrschein für sanftes Gleiten. Wer gemütlich schaukeln will, bleibt besser daheim.

Das Ticket zu dir – manchmal muß man dritter Klasse fahren, lange warten in kalten Bahnhofshallen.

Dankbar sein kann nur, wer weiß, wofür er dankbar ist. Christus bringt göttliche Leichtigkeit in meinen mühsamen Kampf um mich selbst. Er befreit vom Druck, „Danke“ sagen zu müssen und macht mich fähig, „danke“ sagen zu können – einfach in dem Bewußtsein, daß nur er etwas bewegen kann, nicht ich.

In Christus allein kann ich und darf ich so richtig und wirklich dankbar sein. Amen.

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