Jeremia 14, 1, 3-4, 7-9
1 Der HERR sprach zu Jeremia während der großen Dürre:
3 Die Reichen schicken ihre Diener los, um Wasser zu holen. Sie gehen zu den Zisternen, aber alle sind ausgetrocknet. Mit leeren Krügen kehren sie zurück, enttäuscht und traurig verhüllen sie ihr Gesicht.
4 Auch die Bauern verhüllen ihr Gesicht in Trauer; der Boden zeigt tiefe Risse, weil der Regen so lange ausbleibt.
7 HERR, unsere Sünden klagen uns an, doch hilf uns und mach deinem Namen Ehre! Wir haben dir oft die Treue gebrochen, gegen dich haben wir gesündigt.
8 Du bist Israels einzige Hoffnung, sein Retter in Zeiten der Not. Warum verhältst du dich wie ein Fremder bei uns im Land, wie ein Wanderer, der nur für eine Nacht bleibt?
9 Warum bist du wie ein Kriegsheld, der überwältigt wurde und niemandem mehr helfen kann? Du wohnst doch mitten unter uns! Wir tragen deinen Namen. HERR, verlass uns nicht!
Der Notschrei
Aus der Geschichte des „Notschreis“, der 18 km langen Passstraße im Schwarzwald:
Mitte des 19. Jahrhunderts machte die abgelegene Lage den Menschen schwer zu schaffen. Nicht einmal Freiburg war auf direktem Wege mit dem Fuhrwerk erreichbar.
Zwar hatte es Überlegungen für den Bau einer Straße gegeben, doch ernsthaft daran machte man sich nicht. 1847 wurde die Situation richtig dramatisch. Die verzweifelte Bevölkerung wandte sich in einer Petition an die Regierung in Karlsruhe, wies auf ihre von Arbeitslosigkeit und bittere Armut geprägte Lage hin. Es war ein „Notschrei“.
Die badische Regierung reagierte auf den „Notschrei“. Der Petition wurde stattgegeben. Schon ein Jahr später wurde mit dem Bau der Straße begonnen. Notschrei war damit für diese Region sanktioniert.
In unserem Text heute gibt es auch einen Notschrei:
- Aus der großen Dürre
erwächst - Anklage
sie wandelt sich in - Die neue Hoffnung
1 Dürre
Ein Land, Juda, leidet an einer furchtbaren Dürre. Gottes geliebtes Volk hat sich von ihm abgewandt.
Für sie war Gott kein Begriff mehr – sie suchten eigene Wege und meinten darin, Freiheit zu finden – weg von den Geboten, weg von allem Einengenden.
Gott ruft zurück, mahnt durch den Propheten Jeremia 50 Jahre lang. Vergeblich. In dieser Zeit zeigt Gott seine Macht und schickt die große Dürre.
Die traurige Lage wird in erschütternden Einzelbildern der Not und der leidenden Kreatur illustriert.
In unseren Tagen Ähnliches: flächendeckende Brände, gepaart mit Überschwemmungen, heiße, trockene Sommer, in denen Mensch und Natur leiden, Stürme, Orkane, Erdbeben. Temperaturanstieg, Ozonloch, Gletscher-Sterben, Smog-Alarm …
Wir können die Liste unendlich weiterführen.
Wir Menschen erkennen zwar die Notlage, dennoch gibt es noch zu viele Machthaber, die dies alles ignorieren. Aber selbst im Kleinen werden diese Zeichen oft übergangen.
Große Dürre – übertragen auf unser geistliches Leben: Aufgeblüht unter dem Segen Gottes, fruchttragende Bäume entstehen und dann bleibt der Regen aus.
Lau, nachlässig, oberflächlich gestaltet sich plötzlich der Alltag. Das Brennen der ersten Liebe ist erloschen. Es geht alles seinen gewohnten Gang.
Dürre genauso in den Erfahrungen beim Handeln Gottes. Gebete scheinen zu verhallen, nichts bewegt sich mehr.
Was bleibt? Kopf in den Sand, Vorwürfe oder Resignation?
Anders unser Text:
2 Die Anklage
Herr, unsere Sünden klagen uns an
Jeremia tritt stellvertretend für sein Volk vor Gott und bittet ihn um Barmherzigkeit.
Jeremia packt Gott bei seiner Ehre.
Warum verhältst du dich wie ein Fremder, der nur für eine Nacht bleibt?
Gott kehrt zwar ein, aber bleibt nicht bei seinem Volk. Er zieht weiter. Er ist nicht mehr mitten unter ihnen.
Warum bist du wie ein Kriegsheld, der überwältigt wurde und niemandem mehr helfen kann?
Gottes Macht scheint geschwunden. Sein Beistand nicht mehr da, sein Unterfangen nicht mehr gewährleistet. Israel gewinnt keinen Krieg mehr, kann die Angriffe nicht mehr abwehren.
Stählin: Gott hat sich verborgen; Gott trägt die Maske der Fremdheit, in der er nicht mehr zu erkennen ist.
Jeremia in äußerer Bedrängnis und innerer Dürre wagt den Notschrei an Gott.
In seiner Klage sucht er Gott und kann ihn nicht finden. Er scheint an Gottes Allmacht und an seiner hilfreichen Nähe zu zweifeln.
Jeremia lässt es aber nicht dabei. Er versucht es auf den Punkt zu bringen: Warum? Nicht als Anklage, nicht als Ablehnung, sondern als Herausforderung und Erinnern an die Verheißungen.
Artur Weiser: Im tiefsten Grunde sind diese Infragestellungen des Willens und der Macht Gottes nichts anderes als ein verstärkter Apell gerade an diesen Willen und die Macht Gottes zum Heil.
Wieviel Menschen neigen hier eher nach dem „Warum“ als Anklage. Warum hast du das zugelassen? In den Zeiten der Not erinnert man sich plötzlich an einen Gott, während man sonst versucht hat, ohne ihn auszukommen.
Jeremia wendet sich an Gott und hält ihm vor, was er zugesagt hat.
3 Neue Hoffnung
Du bist Israels einzige Hoffnung, sein Retter in Zeiten der Not. … Du wohnst doch mitten unter uns! Wir tragen deinen Namen. Herr, verlass uns nicht.
Du bist – selbst in Zeiten der Not, der Bedrängnis bist du der Gott, der helfen kann. Höre unseren Notschrei!
Du bist für uns nicht immer begreifbar, du verbirgst scheinbar dein Angesicht vor uns, du hast dich von uns abgewandt.
Dies aber nur für unser menschliches Auge. Wir können die Wegführungen Gottes nicht rational erklären. Er führt manchmal über Umwege zum Ziel.
Gott ist und bleibt der Souveräne. Er sieht mehr, er weiß mehr.
Wir tragen deinen Namen – Gott hat sein Volk auserwählt und mitten unter die Heiden gestellt. Er wollte es als Zeichen seines Handelns. Daran erinnert der Prophet.
Auch wir tragen seinen Namen, sind erwählt von ihm. Der Name, der über allen Namen gilt und besteht. „uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“
Gott – uns nahe in seinem Sohn. In ihm hört er unseren Notschrei, schafft er die neue Hoffnung.
Stählin: Der heilige Name, über uns ausgerufen, ist der große Trost, auch und gerade in den Stunden, in denen uns Gott so ganz ferne gerückt zu sein scheint.
Wir als Christen wissen um eine Macht, um eine Chance, um Hoffnung. Wir wissen um einen lebendigen, handelnden Gott.
Gott reagiert auf die Not der Menschheit. Er sieht all das Versagen, die Schuld, die Ablehnung und alles Nein ihm gegenüber.
Und Gott handelt – er macht sich klein und schwach – als Kind in der Krippe, als Mann am Kreuz. Er wohnt unter uns, verschenkt sich, bietet uns sein „Ich will“ an.
Wir bringen ihm unser Versagen, unsere Schuld und er schenkt sich uns ganz in Brot und Wein.
Zu ihm kommen wir mit unserem „Notschrei“, mit unseren Bitten, im Vertrauen, dass er es recht macht. „Verlass uns nicht“
Stählin: Das Wort der flehentlichen Bitte „Verlass uns nicht“ wird in die zuversichtliche Gewissheit übersetzt: „Du wirst uns nicht verlassen, Herr unser Gott.“
Gott ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Er hört uns, er sieht uns und wartet auf uns.
Möge es uns Gott in jeder Situation täglich neu schenken, dass wir uns ihm nahen. AMEN