Lukas 9, 57-62
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.
Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Analysen mit Zielrichtung
„Eine Analyse ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird. Insbesondere betrachtet man Beziehungen und Wirkungen zwischen den Elementen.“ – so das Lexikon
Die Analyse von Medikamenten, deren Inhalte und deren Auswirkungen, der Bodenstruktur, des Wassers – die Untersuchung des Wahlverhaltens, der Ursachen und der Fehler, der Stärken und Schwächen – Prüfungen werden durchgeführt, Statistiken erstellt, Pläne definiert als Ertrag der Analyse. Manchmal führt es zum Ziel, oft verpufft es im Raum.
Untersucht, geforscht, gemutmaßt, verglichen wird und wurde immer wieder. In unserem Text heute stellt Jesus Analysen mit Zielrichtung an. Sie betreffen die Nachfolge.
Drei Punkte dazu:
- Das „Ich will“
- Das „zuvor“
- Das „nach vorn“
1 Das „Ich will“
Ich will dir folgen, wohin du gehst.
Schön, wenn es so etwas heute im Christentum gibt: „Ich will dir nachfolgen.“
Nachfolge – eine freiwillige Entscheidung auf das Angesprochen-werden von Gott, ein Echo auf das von Gott Geliebt-sein.
Nachfolge – Gott ruft, und der Mensch ist bereit. Sein „Ich will“ ist gefordert.
Gott, der Souveräne, der uneingeschränkt Mächtige, der Schöpfer und Erhalter der Welt, er ruft Menschen in seinen Dienst und will sie als seine Werkzeuge gebrauchen.
Gottes „ich will“ an Menschen erfordert ganze Konsequenz.
Voigt: So verlangt die Nachfolge Christi kräftige Entschlüsse. … In der Nachfolge Jesu kommt es immer darauf an, das Gebotene je nach Situation auf neue Weise zu tun. … Die Erwartungen, die Jesus an uns stellt, bleiben anspruchsvoll.
Der Herr verlangt nicht, dass wir ihn und die Zwölf kopieren. Aber er verlangt, dass, wo das Zeugnis vor der Welt, wo der Dienst, vielleicht der Kampf des Glaubens es erfordern, wir hart sind gegen uns selbst, Strapazen fröhlich auf uns nehmen und den Menschen darin dienen.
Schwernisse zeigt Jesus hier in unserem Text auf und stellt heraus, dass die Füchse Gruben und die Vögel Nester haben, er aber nichts hat, wo er sein Haupt hinlegen kann.
Sicher nicht für alle gleich. Kein Massenschema oder Über-einen-Kamm-scheren.
In seiner Liebe ist er individuell. Er weiß immer, was uns dient, nützlich und hilfreich ist.
Für den einen ein harter Schicksalsschlag, für den anderen ein Verlust, für den nächsten nur Einschränkungen oder sogar Aufmunterung.
Wie reagieren die einzelnen in unserem Text auf diesen Anspruch:
2 Das „zuvor“
… erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind
Was heißt das? Will Jesus, dass wir gegen heilige Pflichten und fromme Bräuche verstoßen und einfach der nötigen Pietät den Rücken kehren?
Jesus geht es bei seinen radikalen Aussagen um mehr. Zum einen will er einfach wachrütteln und ins Fragen bringen. Aber nicht unmenschlich. Es geht ihm bei allem um das Ziel.
Hier speziell: Begräbnisbräuche waren damals oft das Zeremoniell der Hoffnungslosigkeit.
Dies hat er vor Augen, wenn er sagt: Lass die Toten ihre Toten begraben.
Es geht ihm nicht darum, dass die Toten begraben werden, sondern wie sie begraben werden – als Kapitulation vor dem Tod oder als Hoffnung auf das ewige Leben.
Voigt: Wer mit Jesus umgeht, geht ins Leben hinein. Wir sind auch heute, wenn wir dem Tod begegnen, gefragt, woran bzw. an wen wir denn eigentlich glauben.
Wie verträgt sich unser Bekenntnis der Hoffnung mit den Eingeständnissen der Hoffnungslosigkeit?
Jesus ist in Radikalität und Entschlossenheit gegen das, was abbringen will.
Zuvor Abschied nehmen heißt dann nichts anderes als am Alten festhalten wollen. Man ist nicht offen für neue Wagnisse, für neue Ziele, für klare Anweisungen.
In „zuvor“ steckt das, was uns belasten, nach unten ziehen, uns einengen will, das was uns den Blick verdunkelt oder verschleiert.
„Zuvor“: Hindernis, Blockade oder Bremse. Zuvor ist Schwarz sehen, Negation, Ablehnung und Widerspruch. Zuvor bedeutet Zweifel, Kleinglaube.
„Zuvor“ können genauso die falschen Ratschläge der Angehörigen oder Freunde sein.
Im „Zuvor“ kommt die ganze Gleichgültigkeit, das sich Genügen lassen, die Lauheit und Selbstzufriedenheit zum Ausdruck.
„Zuvor“ natürlich auch das lähmende Zurückschauen.
3 Das „nach vorn“
Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes
Dieses praktische Beispiel zeigt auf, dass es in der Nachfolge auf die Blickrichtung ankommt.
Voigt: Man wird, wenn man zu Jesus stößt, immer etwas hinter sich lassen. Das kann sehr verschieden aussehen. … Der Schritt zu Jesus hin wird immer einen Bruch bedeuten. … Nachfolge verlangt, dass man Brücken hinter sich abbricht.
Nach vorn – oft bedeutet es, lieb Gewordenes zurücklassen, alte Strukturen, bestimmte Lebensweisen, Freundschaften, die Familie, den Beruf. Und Voigt hat recht wenn er sagt: Es kann sehr verschieden aussehen.
Jesus fordert zur Nachfolge ganze Bereitschaft, ein offenes Ohr und ein ganz, gern und gleich.
Vom Prinzip für alle klar. Es bringt uns im Glauben genau so wenig nach vorn, wenn wir an unseren Fehlern festhalten, sie sogar lieb umwerben, betätscheln. Nur der Blick nach vorn, zu Jesus, schafft uns die Möglichkeit des Neuanfangs.
Das „nach vorn“ – ein ständiger Lernprozess in unserem Leben.
Mit der einmaligen Abkehr werden wir es sicherlich nicht schaffen.
„Nach vorn“ – ich wage den Schritt heraus aus meinem Sumpf, aus meiner Abgestumpftheit, meiner Trägheit und meinem Pessimismus.
„Nach vorn“ – ich habe das Ziel vor Augen, das Zukünftige, das Eigentliche. Mein Vertrauen setze ich auf ihn, den Anfänger und Vollender.
„Nach vorn“ – in jeder Eucharistie kommt er uns nahe, er ist mitten unter uns.
Die Analyse mit Zielrichtung – Gottes uneingeschränkte Herrschaft steht bevor, sein Reich im Moment noch angefochten, bruchstückhaft, auf Vollendung wartend.
Aber es ereignet sich schon im Jetzt und in letzter Vollendung im Zukünftigen.
Dort, wo wir ihm unsere Bereitschaft, unser „ich will“ entgegenbringen, dort handelt er mit und durch uns, dort verwirklicht sich sein Reich.
Wir sind hineingenommen in seine ganze Fülle, die weltweit, allumfassend, grenzüberschreitend geschieht. Wagen wir den Blick nach vorn, zu ihm.
Voigt: Nachfolge ist Kreuzesnachfolge. Nachfolge bedeutet Teilhabe am ewigen Leben, freilich auch am Geschick Jesu.
…. Wer Jesus nachfolgt, meidet nicht nur den Blick nach rückwärts, sondern ist geradezu magnetisch von dem angezogen, was er vor sich hat. Bei Jesus ist, aufs Letzte gesehen, nur zu gewinnen, denn Gottes Reich ist unter allen Umständen das Zukünftige, … die Vollendung, die Fülle Gottes selber.
Deshalb Jesu Einladung für einen jeden von uns. Analysieren wir unseren jetzigen Zustand. Die Zielrichtung ist uns vorgegeben.
Als Nachfolger sind wir Teilhaber an seinem Überfluss, an seinem Reichtum. Wir haben keinen Mangel mehr, weil er uns führen will, ans frische Wasser, an die nie versiegende Quelle. Seine Güte und Liebe, seine Barmherzigkeit begleiten uns unser Leben lang.
Er schenke uns täglich die Kraft zur Blickwendung zum Ziel hin. AMEN