Apostelgeschichte 10, 21-35
21 Petrus ging hinunter. „Ich bin der, den ihr sucht“, sagte er. „Warum seid ihr hierhergekommen?“
22 Sie erwiderten: „Der Hauptmann Kornelius schickt uns. Er ist ein guter Mann, der Gott ehrt und von allen Juden hoch geachtet wird. Durch einen heiligen Engel erhielt er von Gott den Auftrag, dich in sein Haus einzuladen und darauf zu hören, was du ihm zu sagen hast.“
23 Petrus ließ die Männer in das Haus eintreten, und sie übernachteten dort. Bereits am nächsten Tag aber ging er mit ihnen nach Cäsarea, wobei ihn einige aus der Gemeinde von Joppe begleiteten.
24 Als sie am folgenden Tag dort ankamen, wurden sie schon von Kornelius erwartet. Alle seine Verwandten und Freunde waren bei ihm.
25 Noch bevor Petrus das Haus betreten hatte, kam ihm Kornelius entgegen und fiel ehrerbietig vor ihm auf die Knie.
26 Doch Petrus wehrte ab: „Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch!“, und half ihm wieder auf.
27 Während sie noch miteinander redeten, betraten sie das Haus. Petrus sah die vielen Menschen, die auf ihn warteten.
28 „Ihr wisst ebenso wie ich“, begann er, „dass es einem Juden streng verboten ist, in das Haus eines Nichtjuden zu gehen oder sich auch nur mit ihm zu treffen. Aber Gott hat mir gezeigt: Ich darf keinen Menschen für unrein halten und ihm darum die Gemeinschaft verweigern.
29 Deshalb bin ich auch gleich zu euch gekommen, als ihr mich gerufen habt. Aber was wollt ihr nun von mir?“
30 Kornelius antwortete: „Vor vier Tagen betete ich nachmittags in meinem Haus. Es war drei Uhr, ungefähr dieselbe Zeit wie heute. Da stand plötzlich ein Mann in einem leuchtenden Gewand vor mir
31 und sagte: ‚Kornelius, Gott hat deine Gebete gehört. Er weiß, wie oft du den Armen geholfen hast.
32 Deshalb beauftragt er dich, Leute nach Joppe zu schicken, die Simon Petrus zu dir bringen sollen. Er wohnt am Meer im Haus des Gerbers Simon.
33 Ich habe meine Boten sofort zu dir geschickt, und ich freue mich, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier in Gottes Gegenwart versammelt und wollen hören, was du uns im Auftrag des Herrn zu sagen hast.“
34 Da begann Petrus zu sprechen: „Jetzt erst habe ich richtig verstanden, dass Gott niemanden wegen seiner Herkunft bevorzugt oder benachteiligt.
35 Alle Menschen sind ihm willkommen, ganz gleich, aus welchem Volk sie stammen, wenn sie nur Ehrfurcht vor ihm haben und so leben, wie es ihm gefällt.
Der Zaun ist abgebrochen
oder: Christlicher Mauerfall
Eine meditative Betrachtung
Zäune
trennende
behütende
bezeichnende
ausgrenzende
umfriedende
Zäune zwischen Ländern
Zäune um Besitztümer
Zäune zwischen Nationen
Zäune zwischen Religionen
Zäune zwischen Menschen
Zäune – nicht übersteigbar- nicht überwindbar – nicht durchdringbar.
Zur Zeit Christi gibt es in Israel klare Abgrenzungen zwischen Gottes auserwähltem Volk und dem Rest der Welt.
Nichtjuden, sogenannte „Heiden“ gelten als unrein. Dem frommen Juden ist es verboten, ihr Haus zu betreten, mit ihnen zu sprechen oder in irgend einer Weise Gemeinschaft mit ihnen zu pflegen.
Dieses Gebot soll unter anderem das Gottesvolk vor der Versuchung des kanaanäischen Baalismus schützen.
Deshalb ist Heidenmission bei den ersten Christen nicht vorgesehen.
Und dann kommt da ein römischer Zenturio und bittet den Apostel Petrus durch Boten, in sein Haus zu kommen.
Eigentlich ein No-go für den frommen Juden.
Eigentlich ein No-go für den Jünger des von den Römern ans Kreuz geschlagenen Christus.
Eigentlich ein No-go für alle, die sich an die frommen Gesetze halten.
Petrus hört den Boten zu.
Petrus lädt die Boten ein.
Petrus geht mit den Boten mit – und mit ihm einige Mitglieder der christlichen Gemeinde.
Denn:
Da ist einer,
der hat ihm gesagt, daß er den Zaun einreißen will.
Da ist einer,
der hat ihm gezeigt, daß seine Wahrheit Grenzen überschreitet.
Da ist einer,
der die Mauer frommer Trennungsvorschriften abtragen will.
Christus will sie schaffen, die universale Bruderschaft aller Menschen
egal, woher sie kommen
egal, was sie besitzen
egal, was sie vermögen
Es soll niemand geben, der besser ist
Es soll niemand geben, der heiliger ist
Es soll niemand geben, der frömmer ist
Alle sollen es gleich weit haben zu Christus
alle brauchen seine Vergebung
alle brauchen seine Barmherzigkeit.
alle brauchen sein Ja.
Keiner hat ein Recht darauf.
Keiner kann sie wählen.
Keiner kann sie dem anderen streitig machen.
Christus ruft alle Menschen zur Freiheit, die alleine seine Barmherzigkeit schafft.
weg aus der eigenen Selbstgerechtigkeit
weg von Standesdünkel und Religionsprivilegien
weg vom Stolz auf eigene Leistung und eigene Kraft
Ehrfurcht – das Staunen, das Menschen erfaßt, wenn sie Gott unmittelbar begegnen – ist die Grundlage.
Staunen vor dem Gott,
der sein Recht aufgibt und seine Gnade schenkt für alle
Staunen vor dem Gott
der dem frommen Juden und dem heidnischen Zenturio seine Engel sendet.
Staunen vor dem Gott,
der seinen Sohn am Kreuz auf Golgatha sterben läßt und damit die Mauer der Trennung aufhebt, die menschliche Schuld und menschliches Versagen jeden Tag neu aufbaut zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Gott.
Das Kreuz Christi ist die Mitte der ganzen Weltgeschichte. Es läßt alle Menschen ohne Ausnahme als Feinde Gottes offenbar werden – und gleichzeitig als von Gott geliebt und in Gottes Augen wert.
Wo Menschen zu diesem Christus herzutreten und in Ehrfurcht vor ihm leben, wo ihr Tun und Lassen von seiner Liebe Prägung erfährt, werden Zäune abgebrochen und fallen Mauern, entsteht Einheit und Friede in Freiheit, der Bestand hat über alle menschlichen Gegensätze und Verschiedenartigkeiten hinaus. Amen.