Meditative Betrachtung vom 28.12.25
Hiob 42,1-6
1 Da antwortete Hiob:
2 „Herr, ich erkenne, dass du alles zu tun vermagst; nichts und niemand kann deinen Plan vereiteln.
3 Du hast gefragt: ‚Wer bist du, dass du meine Weisheit anzweifelst mit Worten ohne Verstand?‘ Ja, es ist wahr: Ich habe von Dingen geredet, die ich nicht begreife, sie sind zu hoch für mich und übersteigen meinen Verstand.
4 Du hast gesagt: ‚Hör mir zu, jetzt rede ich, ich will dich fragen, und du sollst mir antworten!‘
5 Herr, ich kannte dich nur vom Hörensagen, jetzt aber habe ich dich mit eigenen Augen gesehen!
6 Darum widerrufe ich meine Worte, ich bereue in Staub und Asche!“
Weil ich Dich nicht fassen kann
Warum läßt Gott das zu?
Wozu das Leiden auf der Welt?
Warum die Grausamkeit?
Wozu die Katastrophen?
Warum Ammoklauf und Krieg?
Wozu Krankheit und Tod?
Hiob hat ihn gefragt, den Gott, der ihm alles gegeben und alles genommen hat.
Weil er ihn nicht versteht, den Gott, dem er versucht hat, ein Leben lang die Treue zu halten.
Weil er ihn nicht begreifen kann, den Gott, an dessen Güte und Weisheit er geglaubt hat und der nun alle seine Sicherheiten zerbricht.
Weil er an den Trümmern seiner Existenz, in der tiefsten Finsternis seiner Hoffnung und am Ende seines Glaubens angekommen ist.
Gott läßt ihn zu,
seinen Aufschrei
seine Anklagen
sein Unverständnis
Und: Gott erklärt ihm nichts.
„Er zeigt ihm seine Unbegreiflichkeit als das Gewand seiner Majestät“ sagt der Theologe Jetter.
Gott stellt ihn seinem Universum gegenüber:
den Sternen, die keiner zählen kann
seiner Schöpfung in ihrer majestätischen Schönheit
seinen Geschöpfen in ihrer Vielgestaltigkeit und Vielfalt
Gott öffnet Hiob die Augen für göttliche Größe und macht ihm seinen Eigennutz und seine Eigenherrlichkeit bewußt.
Denn:
Gott will mehr sein, als ein Wohlfahrtsgötze.
mehr als ein Gutgenug, um unser Glück zu hüten.
mehr als Wächter unseres Wohlergehens.
Gott will uns aus dem Hafen behüteter Frömmigkeit ins offene Meer der Glaubenserfahrung führen.
Gott will uns aus dem warmen Nest unserer eigenen Sicherheiten stoßen, damit wir in Freiheit fliegen lernen.
Gott will uns aus der Enge unserer Möglichkeiten in die unendliche Weite seiner Schöpfermacht führen.
Er sucht seine Ehre in unserem Glauben.
Er will durch uns Raum gewinnen in der Welt.
Er will durch uns das gütige Licht seiner Liebe scheinen lassen.
Er will der feste Grund unseres Lebens sein
die Basis, die uns trägt, wenn alles einstürzt, was wir gebaut haben.
die Hand, die uns hält, wenn Krankheit und Schmerzen unerträglich werden.
der größte Schatz unseres Lebens, wenn nichts mehr übrigbleibt von allen unseren Sicherheiten.
Dort, wo wir an Gott zerbrechen und in ihm heil werden, werden wir zum Exempel seiner Hoffnung, zum Zeichen seiner verschwenderischen Gottesgüte, zu Botschaftern seiner Allmacht in unserer Zeit.
„Wer Gott erfahren will, muß bereit sein, ihn unbegreiflich sein zu lassen“ sagt der Theologe Jetter.
Der unbegreifbare Gott kommt an Weihnachten in einem kleinen, wehrlosen Kind, in Armut und Verfolgung auf die Erde.
Nicht, weil er herrschen will.
Nicht, weil er glänzen will
Nicht, weil er sein Recht eintreiben will.
Er kommt, um zu helfen.
Er kommt, um zu verzeihen.
Er kommt, um unsere Herzen zu öffnen für seine Liebe.
Wir können sie nicht verdienen
Wir können sie nicht begreifen.
„Herr, ich erkenne, daß Du alles zu tun vermagst“ sagt Hiob
„Und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen“ singen wir an der Krippe.
Wir können ihn nicht fassen, den großen Gott. Lassen wir den Glanz seiner Geburt und seiner Auferstehung durch uns leuchten – als gütiges Licht über unserer Welt, als einzige und letzte tiefe Sicherheit für unser Leben – in guten und in bösen Tagen. Amen.