Auf den Zahn gefühlt

Lukas 18, 9-14

Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein und verachteten die anderen, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“

Der Zöllner aber stand fern, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ AMEN“

Auf den Zahn gefühlt

Gutachten, Beurteilungen, Diagnosen – sie gehören zu unserem Alltag. Aber nur wer die richtigen Maßstäbe hat, kann letztendlich sicher entscheiden.

Das Auto wird hochgehoben und auf Herz und Nieren durchgecheckt. Ist es noch fahrtauglich?

Der Arzt stellt den Patienten komplett auf den Kopf. Herz, Lunge, Leber – alles o.k.?

In unserer Geschichte wird von zwei Menschen berichtet, die sich selbst einschätzten. Drei Punkte:

1      Alles in Ordnung

2.     Total daneben

3.     Ausgefüllt

1. Alles in Ordnung

Der Pharisäer: Er meint es subjektiv ehrlich. Er gehört zu der Gruppe Menschen, von der man mit Respekt sagt: grundsatztreu, korrekt, verlässlich. Wenn doch alle so wären! Aber leider – es gibt Spitzbuben, Betrüger, Ehebrecher und – sogar – Zöllner. Man gehört zum Glück zur besseren Sorte Mensch. Man nimmt es genau, nicht nur mit den moralischen Pflichten, sondern auch mit den religiösen.

Alles in Ordnung – man führt ein sittlich und religiös geordnetes Leben oder ist doch wenigstens zu führen bestrebt und meint damit, mit Gott im Reinen zu sein oder ins Reine zu kommen. 

Vor Gott gilt aber nicht, was geleistet wird. Gott schenkt, Gott beschenkt.

Der Pharisäer: „Sieh doch, welche Leistungen ich vorzeigen kann. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“

Und bei uns? „Erkennt ihr, was ich für Opfer bringe, wie ich mich einsetze für seine Sache, wir mir nichts zu viel wird! Registriert ihr, wie ich mich beherrschen kann. Ich werde lange nicht so ausfällig wie jener. Seht ihr, wo bei mir alles in Ordnung ist, ich klare Abläufe in meinem Leben habe. …“

Jesus Christus hat etwas gegen eine Frömmigkeit, die sich selber zur Schau stellt. Er hat etwas gegen Selbstüberschätzung, gegen den Stolz.

Man hat eine ungebührlich hohe Meinung von sich, bläst sich auf, erhebt sich über andere, weil man scheinbar alles recht macht.

Wir doch nicht! Wir sehen zwar die Fehler der anderen sehr deutlich, wir sehen hinter die Kulissen bei den anderen und gewahren ihre falsche Haltung. Wir danken, dass wir nicht so sind wie jene.

Der Pharisäer dankt in seinem Gebet. Aber er spricht dabei von dem, was er ist und leistet, wie gut er ist, wieviel er tut. Er erhöht sich selbst. Es ist keine Anbetung Gottes in seinem Gebet, kein dankender Aufblick zu Gottes Güte. Wohl sagt er: „Ich danke dir!“ Aber sein Blick verfängt sich in seiner Person und beschaut nur das, wie groß er geworden ist, wie hoch er über den offenkundigen Sündern steht. Indem er an diesen seine Größe misst, erniedrigt er sie tief unter sich.

Damit sind wir bei der zweiten Person: dem Zöllner

2. Total daneben

Der Zöllner: Er kooperiert mit den Römern, denn von ihnen wurde damals das Zollwesen unmittelbar oder mittelbar gepachtet. Man weiß: Er haut die Leute übers Ohr, er ist ein Betrüger und Gauner. Er genießt keine bürgerlichen Ehrenrechte; wer etwas auf sich hält, meidet ihn.

Der Zöllner erkennt, dass sein Leben Gott nicht gefallen kann. So steht er nur von ferne, darf nicht dicht an Gott heran und nicht in die Nähe derer, die (vermeintlich) mit Gott im Reinen sind.

Seine Gebärde spricht deutlich: Er schlägt sich an die Brust, dorthin, wo das Herz ist, aus dem alle bösen Gedanken und Entschlüsse kommen, als wollte er dies Herz und damit sich selbst für alles strafen, was ihm auf dem Gewissen liegt.

Er kann nur an Gottes Gnade appellieren. Etwas, worauf er zu seinen Gunsten verweisen könnte, hat er nicht. Er ist ohne Prädikat.

Total daneben – hier ist einer, der Gott braucht und eben darum – mag nun werden, was da will – nach ihm ruft.

Wann sind und waren wir Zöllner, total daneben? Menschen, die in die Hand des lebendigen Gottes gefallen sind?

„Wie kann dies alles passieren?“ Der Halt, die Feste scheint zu schwinden, zu schwanken. Dort, wo wir in guten Stunden sagten: Das nimmt uns niemand – und dann?

Alles scheint zu verblassen. Die Sicherheit dahin. Keine Routine, keine billigen Worte helfen mehr. Ausgeliefert, platt wie ein Frosch, keine Kraftreserven mehr, nur noch Dunkel, Ausweglosigkeit.

Situationen, wo wir Gott nicht mehr begreifen. Wir erkennen nur noch: Gott hat andere Maßstäbe. Wir können nichts vor ihm erreichen.

Oft sehr schmerzhaft, wenn wir unsere Grenzen erkennen und dabei die göttliche Weite erahnen. Alles eigene Mühen vergebens. Nichts ist mit dem guten Charakter, dem edlen Menschen.

Keine faulen Ausreden helfen, kein Schuldverschieben.

„Ja meine Eltern, die Umstände, aber man muss auch bedenken.“….

Klar, eindeutig: „Gott sei mir Sünder gnädig“. Wie schwer fällt es manchem, dies einzugestehen. Lieber vertuschen, verschleiern, es war gar nicht so schlimm, der andere hat genauso Schuld.

Gott führt uns an unsere Endpunkte heran. Ergreifen und begreifen wir sie. Sagen wir ihm:  „Das ist es, da liege ich schief. – Sei mir gnädig.“

Nicht krampfhaftes Herumsuchen nach den anstehenden Sünden ist gefragt. Die offene und einsichtige Art – ohne Vorleistungen, ohne Kasteiungen mit trauriger Miene und herabhängenden Schultern.

Total daneben: „Hier bin ich – sei mir gnädig. Ich vermag es nicht. Ich bin auf deine Hilfe, dein Erbarmen, dein Ja zu mir angewiesen.“

Wie Gottes Ja zu uns aussieht, wollen wir in Punkt 3. anschauen.

3. Ausgefüllt

Jesus legt nun ein ungewöhnliches Maß an. Sicherlich ist für uns der Pharisäer im ersten Moment der Bessere, nicht der korrupte, abgebrühte, draufgängerische Zöllner.

Jesus blickt durch. Er ist bereit zur Vergebung. „Den Aufrichtigen lässt es der Herr gelingen.“ – nicht den Fehlerlosen, den Übermenschen, den Leistungsbringern, den religiösen Gewohnheitstieren.

Er will die ganze Offenheit, die kindliche Bereitschaft. Diese sind vor ihm gerechtfertigt.

Er sieht unsere Ohnmacht, unser Unvermögen, unsere Leere.

Er sieht unsere Fehlerhaftigkeit. Wir sind die Ausgelieferten, die Menschen ohne Prädikat.

Gott erbarmt sich in Jesus Christus über uns, spricht uns seine Vergebung zu. Diese wird zum neuen Anspruch für unser Leben.

Aus seinem Unterfangen heraus können wir gewisse Schritte tun. Ohne unsere Vorleistungen handelt Gott an und mit uns, bedingungslos. Keiner ist ausgeschlossen, egal wie es um uns steht.

Ob Pharisäer oder Zöllner, wichtig ist die Offenheit, die Klarheit, die Bereitschaft, mit sich machen zu lassen – abhängig von Gott, in seinen starken Armen.

„Gott nötig haben ist des Menschen höchste Vollkommenheit“ sagt Kierkegaard.

Von Rothkirch drückt es so aus: „Nur mit Bankrotteuren kann Gott arbeiten“.

Gott ist also für mich. Ich muss nicht mehr selbst beobachten und analysieren, wie es zwischen mir und Gott steht. Denn da steht einer vor mir, der meinen Blick gefangen nimmt. Dabei vernehme ich sein gutes, um mich werbendes und mich freisprechendes und annehmendes Wort, so dass ich alles andere, meine ansehnliche und zugleich anfechtbare Vergangenheit, auch meinen zwielichtigen gegenwärtigen Zustand vergessen muss.

Nur noch eines ist interessant: der in Christus mir zugewandte, mich bejahende Gott.

Ausgefüllt – diese Erfahrung macht frei, macht getrost, zuversichtlich und ruhig.

Sie lässt Vertrauen wachsen, die Angst muss weichen.

Mein Vater kennt mich, sieht mich, weiß um mich. Selbst in den tiefsten Tiefen, denkt er an mich. Er sorgt für mich, nimmt sich meiner an.

Gott füllt aus – gibt Aufträge und Gaben. Gott will Geschichte machen mit uns. Aus dem Bettler wird ein König.

Wir sind verstanden, wir haben Schutz. Gott bietet seine Hilfe, sein Unterfangen an.

Alle Zweifel, alles Versagen und Verzagen, alle Angst und Depression wird umgewandelt, ausgefüllt, von seiner unendlichen Liebe, Liebe Gottes, die uns will.

Schenke Gott uns die offenen Augen, wenn er uns auf den Zahn fühlt. Schlagen wir an unsere Brust. Haben wir Mut zur Veränderung, zum richtigen Bekenntnis „Sei mir gnädig“.

Er will, dass auch wir freigesprochen werden, gerecht sind und darum mit ihm in ungestörter Gemeinschaft leben.

Er schenke uns zu allem Wollen das Vollbringen. AMEN

 

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