Höhere Gewalt

Johannes 9, 1-7

Unterwegs sah Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war.

„Meister“, fragten die Jünger, „wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern?“

„Weder –  noch“, antwortete Jesus. „Vielmehr soll an ihm die Macht Gottes sichtbar werden.

Ich muss die Aufgaben, die Gott mir gegeben hat, erfüllen, solange es Tag ist. Bald kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.

Doch solange ich in der Welt bin, werde ich für diese Welt das Licht sein.“

 Er spuckte auf die Erde, rührte mit dem Speichel einen Brei an und strich ihn auf die Augen des Blinden.

Dann forderte er ihn auf: „Geh jetzt zum Teich Siloah, und wasch dich dort.“ (Siloah heißt: „Der Gesandte.“) Der Blinde ging hin, wusch sich, und als er zurückkam, konnte er sehen.

Höhere Gewalt

Wenn es nicht vorhersehbar ist, nicht kalkulierbar, so ganz plötzlich kommt, quasi über Nacht alles ändert, unvermeidlich ist, dann spricht man von höherer Gewalt.

Lottogewinn oder Flutkatastrophe – beides kann sein, beides kommt aus dem Nichts und bricht über uns herein.

Es kann auch ein ganz normaler Arztbesuch sein, der ein Leben schlagartig verändert, ein einziger, winziger Augenblick.

Leben verläuft schicksalhaft.

Jeder, der mit wachem Auge durch’s Leben geht, sieht das, daß es Einflüsse gibt, die man nicht steuern kann, die von außen auf uns einwirken, denen man ausgesetzt ist, ob man will oder nicht.

Vor uns steht ein blinder Mann, einer, der nix sieht, nicht sehen kann von Jugend an, einer, der eben nicht seines eigenen Glückes Schmied ist, der sein Glück nicht schmieden kann, weil ihm die Kraft seiner Augen dazu fehlt.

Vor uns steht ein Mann, an dem sich eine Gewalt ereignet, die kein Mensch sehen kann, weil es eine unsichtbare Kraft ist, die Macht des Schicksals.

1. Der unausweichliche Gott

offenbart in Christus

2. Was nicht in den Sternen steht

das gibt

3. Dem Leben Sinn

1. Der unausweichliche Gott

Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.

Es ist kein Zufall, daß der Sohn Gottes auf eben diesen Mann trifft, der sich selbst nicht helfen kann.

Es ist so – er sieht nix, lebt im Dunkeln.

Es weiß ja von uns keiner, wie genau das ist, wenn man blind ist.

Es klingt wie blanker Hohn, wenn man mit den Worten Berthold Brechts sagen wollte: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“

Es ist eben nicht nur eine Frage der richtigen Ernährung, ob einer sehen kann.

Das Schicksal dieses Mannes ist so hart, daß er sich selbst nicht helfen kann.

Hilflos zu sein ist sein Schicksal – unausweichlich, nicht korrigierbar.

Er kann vor seiner Krankheit nicht davonlaufen, er kann sie nicht abtrainieren oder schönreden, es ist so, wie es ist.

Warum das so ist, lässt sich nicht erklären, wozu das gut sein soll auch nicht.

Es scheint einfach nur Nachteil, nix zu sehen.

Offen steht die Frage, warum Gott so etwas zulässt.

Sein Schicksal lässt sich nicht fragen, es findet einfach nur statt.

Die Bestimmung eines Menschen ist nie abhängig von seinen eigenen Gedanken.

Sicher gibt es die eine oder andere Situation, die man vermeiden oder herbeiführen kann – das Schicksal nicht.

Es ist nicht in unsere Hände gegeben. Jede Ideologie, die so was predigt, ist ein Irrtum.

Wer mit wachem Auge lebt, muß erkennen, daß an jedem Leben Kräfte wirken, die sich nicht steuern lassen.

Vor ein paar Wochen ist uns ein 40-Tonner hintendraufgefahren, am Stauende. Der kam von hinten  – ein kurzer, schwerer Schlag. Es war nicht vorhersehbar. Es kam aus dem Nichts.

Das Schicksal fasst uns an, ob wir wollen oder nicht.

Schlimm, wenn man darin nur den Zufall sehen kann, der die Dinge so sein lässt, wie sie eben sind.

„Dann bin ich eben blind, weil es zufällig so ist.“

Zufall aber kann dort nicht sein, wo Gott ist.

Wo Gott ist, passiert nichts aus dem „Vielleicht“ heraus.

Wo Gott ist, hat das Schicksal einen Plan. Es gehorcht dem Willen Gottes.

Das tröstet aber erst recht nicht, wenn ich blind geboren bin, denn es bedeutet, daß meine Krankheit Teil des göttlichen Plans ist.

Der an Aids erkrankte Markus Commercon schreibt in seinem Buch: „Ich habe begriffen, daß mich in meiner Krankheit Gott anschaut. In Aids schaut mich Gott an.“

„Weder er ist schuld noch seine Eltern“ antwortet Jesus auf die Frage seiner Jünger.

2. Was nicht in den Sternen steht

Christus durchbricht die falsche Logik seiner Jünger. Der Konflikt ist zweitausend Jahre alt, ist aber heute noch aktuell.

Noch heute lebt die Auffassung, daß Krankheit eine Art Auswirkung von Sünde sei.

„Es gibt in uns einen verborgenen Nazi, der so denkt“ sagt der Theologe Voigt.

Innerer Abstand zu dem, dem es nicht so gut geht, reicht bis zu uns.

Leider bekommt jeder, der im Winter ohne Mantel rausgeht, einen Schnupfen. Aber nicht jeder, der einen Schnupfen hat, ist im Winter ohne Mantel rausgegangen. Man kann auch einen Schnupfen kriegen, ohne irgend etwas falsch gemacht zu haben.

Das, was Christus predigt, ist frei von religiöser Penetranz.

Er will Gott auch nicht als großen Medizinmann sehen, der auf Anruf das große Wohlergehen bringt.

Gott hat den Menschen zum Heil bestimmt, das ereignet sich aber in unheile Zustände  hinein.

Gott bestimmt – nicht der Mensch.

Wer das Heil erzwingen will, beschneidet Gott in seiner Souveränität.

Christus befreit zuallererst vom Denken in falschen Zusammenhängen.

Wer mit Gott auf dem Weg ist, muß den Mut haben, offene Fragen jahrelang oder lebenslang auszuhalten.

Manches erklärt sich, anderes nicht oder aber falsch.

Die Fragen, die uns das Dasein aufgibt, können nicht auf die schnelle Art beantwortet werden.

Christus sagt selbst, daß eine Zeit kommt, in der keiner helfen kann.

Also ist klar, daß Gott und Gesundheit, Glaube und Wohlergehen nicht zwangsläufig zusammengehören müssen. Wäre das so, müssten alle nicht gesundbetbaren Menschen an sich, an Gott und an der Welt verzweifeln. Das Resultat wäre eine überfüllte Psychiatrie.

Gott ist mehr. Gott ist größer. Seine höhere Gewalt erschließt sich auf anderer Ebene, der Barmherzigkeit in Christus.

Der unausweichliche Gott, der mein Schicksal ist, bestimmt immer selbst, was Schicksal ist.

Ein alltagstauglicher Glaube gelingt nur da, wo eine sensible Auseinandersetzung geführt wird.

Gott ist die unausweichliche Bestimmung von uns Menschen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, diese Bestimmung zu hinterfragen –nur, sie zu finden und auszuleben.

Es geht aber nicht nur darum, das Ganze nur auszuleiden.

Gottes Idee ist es, die

3. Dem Leben Sinn gibt.

Er ist blind, weil an ihm die Macht Gottes sichtbar werden soll.

Höhere Gewalt Gottes kann etwas, was andere nicht können.

Tübinger Forschern ist es diese Tage gelungen, einen Netzhautchip zu entwickeln, der Blinde zwar nicht sehend macht, es aber doch ermöglicht, daß der Patient Licht in bestimmten Formen und Mustern erkennen kann, im günstigen Fall sogar Gegenstände wenigstens schemenhaft wahrnehmen.

Ein riesen  Fortschritt – obwohl man noch nicht weiß, wie genau senible Sehnerven und Gehirn zusammen funktionieren und ob man so weit kommen wird, daß mit modernster Technik Blinde sehen werden.

Christus schenkt dem Blinden sein Augenlicht auf eine medizinisch nicht nachvollziehbare Art.

Sein Heilungsprozeß entbehrt kassenärztlicher Zulassung.

Das ist das Problem, das wir heute in unserer Zeit haben. Die Wunder der Technik wirken näher und nachvollziebarer, als die Wunder der Bibel. Das Misstrauen gegen Christus ist aber schon zweitausend Jahre alt, fast noch älter als die Wunder, die er tut.

Wenn man den weiteren Verlauf des Textes liest, stellt man fest, daß die Schriftgelehrten der Zeit ähnlich argumentieren, wie unsere Akademiker heute.

„Ich weiß nur eins: Ich war blind, und jetzt kann ich sehen“ sagt der Betroffene selbst.

Die Zweifler fragen: „Ja, ist denn das überhaupt der gleiche Mann? War das vielleicht ein ganz anderer? Wahrscheinlich war der ja gar nicht richtig blind.“ – der gleiche Zweifel wie an Christus selbst, der angeblich nie gelebt hat, nicht richtig gestorben war und bis ins hohe Alter in Indien mit Frau und Kind gelebt haben soll.

Gottes Macht in Konkurrenz zum Zweifel an ihr ist nichts Neues und wird auch in Zukunft sein. Ein gesundes Maß an Skepsis schadet ja nicht.

Wer aber zu früh an der Grenze des eigenen Verstands stehen bleibt, verpasst den atemberaubenden Augenblick, in dem Gott wirkt.

„Jetzt kann ich sehen“  – Was für ein Augenblick für einen Menschen, in dem das Bild zur Farbe erwacht, der Raum zur Tiefe, in dem vorher nur Schwarz war und Nacht.

„Jetzt kann ich sehen“ das ist der Hauptgewinn, ein Schicksalsschlag der besonders guten Art.

Plötzlich erschließt sich der Blick in eine Welt, die gar nicht denkbar war, auf die er gar nicht hoffen konnte, weil unbekannt. Mit einem Schlag ist da was, wo eigentlich nichts zu erwarten war.

Jetzt ist alles anders.

Das ist nicht das Ende, sondern der Beginn.

Was für ein Tag, wenn nicht der Vorhang fällt, sondern aufgeht: die Welt in Farbe gemacht, blauer Himmel, grünes Gras, leuchtende Blumen, schillernd und schön.

Die höhere Gewalt Gottes offenbart sich in Christus, der sehend macht – nicht nur die Schönheit der Natur, sondern die Zusammenhänge in ihr, den tiefen Hintergrund allen Seins.

Darin will Christus jedem von uns die Sinne erweitern: Gott zu sehen als den, der unser Schicksal ist, durch Schicksalsschläge hindurch auf dem Weg mit ihm.

Seine Idee gibt unserem Dasein den Sinn, der hinter allem steht.

Das führt nicht in die blinde Gottergebenheit, aber in die Nachfrage und Rückfrage mit ihm.

Ohne seine Idee renne ich an meinem eigentlich Leben vorbei wie einer, der nicht sieht, was es überhaupt für Möglichkeiten gibt.

Gott ist unser Schicksal und unser Zuhaus.

In Jesus Christus fängt man an zu sehen und zu begreifen, daß es Dinge gibt, die man ohne ihn nicht sehen kann. Amen.

 

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